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Platonisch lieben mittels Smartphone

Popliterat Joachim Bessing im TTZ Platonisch lieben mittels Smartphone

Die ersten Seiten schrieb er auf die Decke eines Bartisches; im Hafen von Cannes, auf einer Gucci-Yacht, erzählt Popliterat Joachim Bessing über die Entstehung seines jüngsten Romans „Untitled“.

Marburg. Dieser „obsessive Liebesroman“ sei „der ‚Werther‘ im Zeitalter des I-Phone“, kommentiert Jan Süselbeck vom Marburger Literaturforum begeistert die Lesung, die am Montagabend im Technologie- und Tagungszentrum stattfand. „Untitled“ erinnert mit rauschhafter Intensität und großer Leidensfähigkeit des Protagonisten an Goethes „Werther“. Anstelle von Briefen kommuniziert der namenlose Ich-Erzähler mittels Smartphone.

Seit fast einem Jahr lebt Bessing in Addis Abeba, Äthiopien, nur für wenige Lesungen kommt er nach Deutschland. „Ich kann in Äthiopien gut ohne Smartphone leben - hier kann ich es nicht“, meint er in der anschließenden Diskussion. „Untitled“ sei ein Buch über neue Bewusstseinsphänomene, fährt der Autor fort, und das Smartphone eine „Verlängerung des Bewusstseins“.

Die Hauptfigur des Romans ist ein Journalist, der durch die schillernde Welt der Mode jettet und in ein unglückliches Liebesverhältnis gerät. Ein Buch des neuplatonischen Philosophen Plotin ist der Kuppler auf einer Party - sie ist seine Seelenverwandte, aber verheiratet und das möchte sie auch bleiben. Doch sie lieben sich und führen diese Liebe heimlich, digital mittels I-Phone, Skype und Instagram. Und während zu Goethes Zeiten ein Brief mit der Postkutsche noch viel Zeit brauchte, so ist nun sein Weg im Internet zeitlos und unmittelbar. Eine physische Präsenz sei nicht mehr notwendig für die Liebe. „Ich finde diese Beziehung ideal“, erklärt Bessing; es geht ihm um die Kommunikation, die eine digitale Welt bietet. Wenn eine Liebes-Beziehung eigentlich formal nicht möglich ist, gelingt sie eben doch - mittels Smartphone.

Doch was ist mit Äthiopien? Der Folgeroman „Wachs und Gold“, an dem Bessing momentan schreibt, soll direkt an „Untitled“ anschließen. Es geht um die Reise des Ich-Erzählers nach Äthiopien, auf der Spur der platonischen Geliebten, die ihrerseits eine Zeit dort gelebt hat.

„Ich lese nicht sehr gerne vor“, meint Bessing und während sein rechtes Bein lässig vom Barhocker lässig baumelt, rast er über die Zeilen und gewährt kaum Pausen. Man wird mitgerissen oder weggespült von den intensiven inneren Monologen des Ich-Erzählers, die mit popkulturellen Verweisen gespickt sind. Selbstverständlich: Bessing macht Popliteratur - bekannt wurde er als Mitautor des Popklassikers „Tristesse Royale“ (1999). „Parareale Fiktionalisierung“ ist hier das Stichwort von Bessings Literatenfreund Rainald Goetz, der in „Die Zeit“ hymnenartig über „Untitled“ schrieb.

Die starken autobiographischen Andeutungen Bessings haben den Beigeschmack einer Selbst-Inszenierung. Fiktion und Realität verschwimmen, so fluide wie das Internet, zu einer eigenen stilisierten Welt, die - so würde es Bessing sagen - durch das Lieben erfunden wurde.

von Ben Wangler

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