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Pfeif mir das Lied vom Tod

Sommerakademie in der Waggonhalle Pfeif mir das Lied vom Tod

Was macht Kindheit aus? Was ist sie und wann endet sie? Mit diesen Fragen hat sich der Berliner Pantomime Oliver Pollak in seiner Auftragsarbeit für die aktuelle Marburger Sommerakademie befasst.

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Sommerakademie-Kursleiter Oliver Pollak und Hanna Funk erzählten in der Waggonhalle vom Ende der Kindheit.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Zusammen mit seiner Schülerin Hanna Funk versuchte der 44-Jährige, in seinem Stück „gefangen – vergangen“ diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Am Ende standen keine Antworten. Dafür umso mehr Schweiß und Schwermut.

Dabei ging das Stück unbeschwert los: Fangen, Verstecken und noch einige weitere Kinderspiele brachte das Duo auf die Bühne, zeigte die Sonnenseiten des Kind-Seins. Allerdings wurde die Darbietung mit fortlaufender Dauer beklemmender.

Das lag nicht nur an der Stimmung der Akteure, sondern vor allem an den Taktellen, laut tickende Zeitanzeiger, von denen im Laufe des Stücks immer mehr auf der Bühne platziert wurden. Für die Unbeschwertheit lief die Zeit ab. Auch sie ist endlich.

Das gleichmäßige Ticken der Taktelle war für die erste Hälfte des Stücks das einzige Geräusch, das die 75 Zuschauer hörten. Denn in den ersten 30 Minuten der Darbietung sprachen Pollak und Funk kein Wort. Lediglich fröhliches Quieken kam aus ihren Mündern, als sie sich gegenseitig über die Bühne jagten.

Lachen bringt Erleichterung

Allerdings ging dieses mythische Element der Stille in der zweiten Hälfte verloren, als sich die beiden Akteure über ihre Darbietung unterhielten und so auf die Metaebene gingen: „Auch wenn wir über die Kunst sprechen, sind wir gefangen in dem Stück. Es ist wie eine Endlosschleife.“

Doch auch dieses schwermütige Stück kam nicht ohne einen Lacher aus: Als beim Cowboy-und-Indianer-Spielen Pollak mit urkomischer Mimik den von Charles Bronson dargestellten Charakter in Sergio Leones Western-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ spielte und dabei den berühmten Titelsong pfiff, schienen die Zuschauer fast erleichtert, dass sie auch mal ihre Lachmuskeln einsetzen durften. Auch mit intimen und erotischen Szenen wartete das Duo auf. „Ohne Vertrauen geht es nicht. Wir kennen uns sehr gut und haben bei den Proben getestet, wie weit wir gehen können“, erklärte Funk.

Weniger erotisch war da eine andere Szene: Gegen Ende des Stücks stellten Pollak und Funk Orientierungslosigkeit und Persönlichkeitsverlust dar, indem sie ihre Köpfe in die kurz vorher noch am Leib getragenen, nassgeschwitzten Shirts einwickelten und geradezu gespenstisch über die Bühne irrten. „Es ist ein grandioses Gefühl! Wenn das Shirt richtig trieft, dann ist es bestens“, sagte Pollak begeistert und versicherte, dass er das wirklich ernst meint.

von Benjamin Kaiser

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