Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Persönlicher Bezug wirkt besonders stark

Ralf Rothmann las im TTZ Persönlicher Bezug wirkt besonders stark

Sichtlich beeindruckt war das Publikum bei der 
Lesung von Ralf Rothmanns Buch, das Fiktion und persönliche Geschichte zugleich ist.

Voriger Artikel
Leidenschaft für Landschaft
Nächster Artikel
Willkür tanzt Justitia auf der Nase rum

Ralf Rothmann las im TTZ aus seinem Roman „Im Frühling sterben“.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Einem sehr jungen Mann, Soldat bei der SS wider Willen, wird befohlen, den eigenen Freund zu erschießen. Auf die Frage, warum gerade er diesen grausamen Befehl ausführen soll, wird er die Antwort erhalten: „Aus Menschlichkeit. Weil du sein Freund bist, da wirst du gut zielen.“ Dieses Zitat stammt aus Ralf Rothmanns neuestem Buch „Im Frühling sterben“, aus dem der Autor im TTZ las.

Manfred Paulsen von der Buchhandlung Roter Stern war stolz darauf, den erfolgreichen Schriftsteller bereits zum dritten Mal in Marburg begrüßen zu dürfen. Die Lesung hatte eine sichtbare Wirkung auf die vielen Gäste. In dem Roman aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs geht es um zwei junge Männer, die zu den vielen Unglücklichen gehören, noch kurz vor Kriegsende eingezogen zu werden.

Walter Urban und Friedrich Caroli sind angehende Melker und zeigen weder an der Partei noch dem Krieg Interesse, dennoch landen sie als Teil der SS in Ungarn. Friedrich versucht zu fliehen, wird gefasst, eingesperrt und zum Tode verurteilt.

Rothmann las die Stelle vor, in der Walter erfolglos bei seinem Vorgesetzten um Gnade für den Freund bittet, was ihm schließlich den Befehl einbringen wird, selbst den Abzug zu betätigen. Dabei zeichnet der Autor ein schauerlich genaues Bild von den Zuständen des Lagers.

„Er hat jedem diese Geschichte erzählt“

Die Handlung in „im Frühling sterben“, ist letztlich Fiktion, denn auch wenn Rothmann mit diesem Buch über seinen eigenen Vater schreibt, von dem viel in Walter Urban steckt, hat dieser fast kein Wort über den Krieg verloren. „Ich habe meinen Vater einmal als kleines Kind gefragt, ob er im Krieg auch geschossen und falls ja, ob er denn auch getroffen habe“, erzählte Rothmann. Der Vater reagierte fassungslos, sagte kein Wort, die Mutter schickte den kleinen Ralf Hausaufgaben machen.

Die Geschichte von dem jungen Mann, der seinen besten Freund erschießen muss, sie stammt aus einer Begegnung Rothmanns mit einem älteren Vermieter. „Er hat jedem diese Geschichte erzählt, hat immer darauf gehofft, dass ihm abermals attestiert wird, dass er ja damals keine Wahl hatte, nur so konnte er wieder eine Weile damit klarkommen“, erinnert sich der Schriftsteller.

Für Arne Krausmann ist es gerade die offensichtliche Widmung, die dem Roman seine Wirkung verleiht. „Ein sehr starker Text, es war für mich etwas ganz Besonderes, eine so andere Sicht auf den eigenen Vater vermittelt zu bekommen, denn meiner war seinerzeit da weniger kritisch, der wollte mit mir nicht mehr reden, als ich verweigerte.“

von Marcus Hergenhan

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr