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Perfide Spiele am Arbeitsplatz

Theaterlabor zeigt "Hauptsache Arbeit!" Perfide Spiele am Arbeitsplatz

Das Theaterlabor des Hessischen Landestheaters feierte am Sonntag in der ausverkauften Bühne die Premiere von „Hauptsache Arbeit!” Die Darsteller: Marburger Studierende. das Stück: Grandios.

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Die Mitarbeiter stehen in Reih und Glied, zu ihren Füßen hocken die „Ratten“: Marburger Studierende vom Theaterlabor des Landesthaters zeigen „Hauptsache Arbeit!“.Foto: Landestheater

Marburg. Rauchschwaden ziehen über die Bühne. Frauen und Männer liegen da. Übereinandergestapelt, wie hingeworfen. Die Darstellerinnen und Darsteller - allesamt Marburger Studierende - schaffen mit ihren Körpern ein Tableau: Sie liegen als menschlicher Haufen, als atmender, keuchender, zuckender Stapel Humankapital auf dem Boden, dazu singt Tennessee Ernie Ford „You load sixteen tons, what do you get / Another day older and deeper in debt“.

Mit diesem Tableau führen die Studierenden unter Anleitung von Franziska Knetsch und Ogün Derendeli, beide sind Ensemblemitglieder des Hessischen Landestheaters Marburg, nicht nur Beginn und Ende des Stücks zusammen, sondern schaffen auch ein eindrucksvolles Bild, das einen effektvollen Auftakt bietet und lange nachwirkt. Im Anschluss geht es zur Sache: Die „Geschäftsjahresabschlussfeier” einer nicht näher definierten Firma, ein angemietetes Boot, die komplette Belegschaft darauf und dazu die Ankündigung, dass auf dieser Reise mittels einer Reihe perfider Spiele herausgefunden werden soll, wer seinen Arbeitsplatz behalten und wer sich „neu orientieren“ darf.

Einzelne Mitarbeiter müssen „Vorträge“ halten, bei denen sie - einem „Seelen-Striptease“ gleich - ihr Innerstes entblößen, was dann auch noch süffisant und abwertend kommentiert wird. Andere werden verkabelt und stellen sich gegenseitig Fragen zu ihrer Arbeitsmoral. Falls einer dabei lügt, darf ihm der andere einen Stromstoß verpassen. Ein brillant auf die Spitze getriebenes Bild für gnadenlose Konkurrenz am Arbeitsplatz.

Genial inszeniert ist auch die Unterbrechung der Spielszenen durch die „Ratten“, eine sechsköpfige Hydra, die sich als „Motivationstrainer“ tarnt, deren Ziel aber eher die Demotivation der Belegschaft zu sein scheint. Wenn sie reden, lassen die Angestellten auf Kommando die Köpfe hängen, wirken wie ausgeschaltet. In diesen Szenen kommentieren die „Ratten” das Geschehen auf herrlich böse und arrogante Weise.

Überhaupt bestechen die Studierenden insgesamt durch schauspielerische Präzision und - je nach Rolle - lustvolle Bösartigkeit, abgründig komische Lakonie oder berührende Hilflosigkeit angesichts der übermächtigen Firmenmaschinerie.

Am Ende bleibt in den Köpfen der Zuschauer das Bild von den übereinandergeworfenen Leibern, das sie einige drängende Fragen mit nach Hause tragen lässt: Gibt es an meinem Arbeitsplatz eigentlich so was auch? Werde ich auch ausgebeutet oder - schlimmer noch - beute ich mich selbst aus? Wer sind die „Ratten” in meinem Job und wer profitiert eigentlich von alldem? Von den Antworten auf solche Fragen hängt die Zukunft der Arbeit ab. Gut, dass das Theaterlabor sie stellt!

Weitere Aufführungen sind am 8. und 9. Juni jeweils ab 19.30 Uhr. Karten gibt es unter www.theater-marburg.de

von Vera Zimmermann

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