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Oper am Thema vorbei

Schiffbruch Oper am Thema vorbei

Wer zu neuen Ufern aufbricht, geht das Risiko von Schiffbruch ein. Ein solcher war am Samstagabend bei einer Opern-Premiere am Stadttheater Gießen zu erleben.

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Der mittelalterliche König Richard (Tomáš Král, links) und Gelasius (Maddin Schneider) besprechen die Lage.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Das Stadttheater präsentierte seine Version von „Der misslungene Brautwechsel oder Riccardo I.“ von Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel. Rund zweieinhalb endlos wirkende Stunden schleppte sich der schale Abend dahin, bei dem nicht viel zusammenpasste.

Damit ist das Grundkonzept der Inszenierung von Regisseur Balázs Kovalik angesprochen, der für seine Umsetzung der Geschichte um den mittelalterlichen englischen König Richard Löwenherz auf den bekannten Komiker Maddin Schneider zurückgreifen kann. So beim ersten Hören klingt das pfiffig und tatsächlich nach einem neuen Impuls und vielversprechenden Ufer für die heimische Opernwelt: Prominenter Comedian trifft als launiger Kommentator auf barocken Wohlklang. Ganz schnell läuft diese Idee aber auf eine Sandbank auf, was dann ebenso schnell und unweigerlich zum Kentern führt.

Stargast hat sich redlich bemüht

Wohlgemerkt: Es liegt nicht an dem Stargast. Er müht sich redlich, doch ist seine Rolle besonders geeignet, die massiven dramaturgischen Schwächen dieser Inszenierung aufzuzeigen. Denn es ist nicht im Ansatz gelungen, Maddin Schneider schlüssig ins Bühnengeschehen zu integrieren. Im Gegenteil ist er fast von der ersten Minute an ein verbindungsloser Fremdkörper, dessen Humor so praktisch keinerlei Wirkung entfaltet und schlicht deplatziert wirkt. Diese mangelhafte Integration ist jedoch nur eine Schwäche. Eine weitere ist die Bühnenoptik, die mit der Geschichte rein gar nichts zu tun hat. Auch mal im Glitter-Jackett trifft Löwenherz nämlich in einer modernen Bar auf Freund und Feind. Was diese Optik mit der Geschichte um einen mittelalterlichen König zu tun hat? Nichts. Ob dadurch sonst vielleicht im Sinne von Verfremdung, Parodie oder Metapher ein Effekt erzielt wird? Nein. Dem Zuschauer wird schlicht eine knallbunte Optik präsentiert, die mit der Story rein gar nichts zu tun hat.

Die Konsequenzen sind fatal: Diese Beziehungslosigkeit macht es richtig schwer, dem roten Faden der Geschichte zu folgen. Denn der ist praktisch fast ausschließlich in der langatmigen Kommunikation des Bühnenpersonals und damit abstrakt präsent, was ganz schnell sehr anstrengend wird und Müdigkeit aufkommen lässt. Wäre es keine Inszenierung, sondern ein Schulaufsatz - „Thema verfehlt“ würde darunter stehen.

Orchester lässt Lebensfreude sprudeln

Zumindest kurzzeitige Rettungsboote sind die Darsteller und das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Michael Hofstetter, das barocke Lebens­freude wie gewohnt ohne Fehl und Tadel, aus dem Graben sprudeln lässt.

Und auch die Sänger, allen voran die bezaubernde Naroa Intxausti, zeigen sich glänzend aufgelegt, so dass der Abend musikalisch wieder ein echter Genuss wird. Anders gesagt: Als konzertante Aufführung wäre der Premierenabend ein Triumphzug geworden. Es handelt sich aber um eine waschechte szenische Operninszenierung, die wegen ihrer drastischen Schwächen und lähmender Langeweile eben zu einem echten Schiffbruch wird. Aber auch das muss klar sein: Ohne gelegentliches Kentern ist das Erreichen neuer Ufer praktisch kaum denkbar.

Deshalb: Hut ab vor dem Mut des Stadttheaters, neue Wege zu probieren, auch wenn die Rechnung diesmal nicht aufgeht.

  • Weitere Aufführungen am 10., 18. und 26. April, 10. und 21. Mai und 20. Juni jeweils ab 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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