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Ohne Sprache und ohne Ausweg

Ohne Sprache und ohne Ausweg

Der junge Österreicher Reinhard Kaiser-Mühl­ecker erzählt von Menschen, die sich selbst ein Rätsel sind. Dafür bekommt er Lob von allen Seiten.

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Reinhard Kaiser-Mühlecker beschreibt einen dem Untergang 
geweihten Bauernhof.

Quelle: Jürgen Bauer, S. Fischer Verlage

„Eine fremde Seele ist wie ein dunkler Wald“ zitiert Reinhard Kaiser-Mühlecker zu Beginn seines Romans Iwan Turgenjew und verkürzt das Zitat im Titel zu „Fremde Seele, dunkler Wald“.

Das Buch des erst 33-jährigen Österreichers steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. „Virtuos“ fand die Jury den Roman und lobte das „zutiefst österreichische“ seines Erzählens.

Kaiser-Mühlecker erzählt von zwei Brüdern, die in einem dem Untergang geweihten landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen sind. Der Ältere, Alexander, 
wollte Pfarrer werden, verpflichtete sich dann aber als Soldat. Der Jüngere, Jakob, arbeitet auf dem Hof.

Der Vater träumt von todsicheren Investments, um den Niedergang zu verhindern, die Großeltern sind reich, geben aber nichts von ihrem Reichtum ab. Der Drei-Generationen-
Haushalt knirscht an allen Ecken: Perspektivlosigkeit, Sprachlosigkeit, Tristesse.

Von Sinnsuchenden und
 dunklen Geheimnissen

Auch Jakob und Alexander haben sich nichts zu sagen. Als der Roman einsetzt, ist der Soldat auf Heimaturlaub und sein Bruder fast noch ein Kind. Sie stehen an der Theke eines Wirtshauses und wissen nicht, welche Schicksalsschläge sie bald erwarten: missglückte Berufswege, unglückliche Lieben und Schlimmeres.

Jakob kommt mit einer Frau zusammen, weniger aus Zuneigung denn aus Zufall, wird Vater und tötet fast das Kind, so unerträglich ist ihm die Situation. Alle Auswege verstellt, keine Kraft für Alternativen. Alexander, inzwischen in einem Ministerium in Wien, ist jung, schön, erfolgreich, aber er findet keinen Halt, weiß nicht, wie er die Zeit totschlagen soll. Ein niederdrückendes Gefühl völliger Sinnlosigkeit.

Sinnsuchende gibt es viele in diesem Buch. Eine Urchristen-Sekte hat sich im Dorf niedergelassen, dem weiblichen Guru wird vieles nachgesagt, von einer Vergangenheit als käufliches Mädchen bis zur Anstiftung zu einem bestialischen Mord, bei dem einer Frau der Kopf abgehackt wurde.

Was es mit dieser Elvira wirklich auf sich hat, bleibt offen – wie viele andere lose Fäden in diesem Buch. Warum hing ein zweiter Strick neben dem Selbstmörder? War Jakobs Kind in Wahrheit doch von einem Anderen? Woher hatte der Opa das viele Geld? Nichts davon wird aufgeklärt, aber die Geheimnisse hängen über den Brüdern wie dunkle, unheilverheißende Wolken.

Autor ist nicht alles gelungen

Das Buch erzählt von Menschen, die keine Sprache haben, die nicht einmal sich selbst, 
geschweige denn anderen erklären können, was sie empfinden, was sie wollen und was nicht. Ein schwieriges Unterfangen, aber es gelingt Kaiser-Mühlecker in der Tat grandios.

Aber nicht alles ist so gelungen. Die Geschichten von Alexander und Jakob laufen unverbunden parallel nebeneinander her. Wichtige Entwicklungen werden im Zeitraffer verschluckt, während andere Passagen endlos gedehnt erscheinen. Und wenn er sich nicht die Mühe machen will, 
genaue Worte zu finden, schreibt er „irgendwie“.

Der junge Autor wuchs selbst in einem kleinen österreichi­schen Dorf auf. Er studierte 
eine überraschende Fächer-Kombination: Landwirtschaft und Internationale Entwicklung. Sein Debüt erschien 2008, „Der lange Gang über die Stationen“ – „Fremde Seele, dunkler Wald“ ist schon sein sechster Roman. Ob er den Buchpreis bekommt, ist offen. Lob bekam er jedenfalls schon viel, unter anderem von Peter Handke: „Zwischen Stifter und Hamsun sind Sie ein Dritter.“

  • Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Fremde Seele, dunkler Wald“, S. Fischer Verlage, 304 Seiten, 20 Euro.

von Sandra Trauner

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