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Öfen sollten auch die Seelen erwärmen

"Bibel in Eisen" Öfen sollten auch die Seelen erwärmen

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität zeigt im kleinen Rittersaal des Landgrafenschlosses eine besondere Ausstellung: „Bibel in Eisen“.

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Bei der Ausstellungseröffnung diskutierte Professor Helmut Burger (links) mit dem Leiter des Museums für Kunst und Kulturgeschichte, Dr. Christoph Otterbeck. Im Hintergrund ist Professor
Joachim Schachtner, Vizepräsident der Philipps-Universität, zu sehen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Anlässlich des Themenjahres „Reformation - Bild und Bibel“ in der laufenden Luther-Dekade werden im Kleinen Rittersaal historische Öfen und Ofenplatten gezeigt, die mit kunstvollen Darstellungen biblische Motive vor Augen führen. Die Öfen sollten in den Wohnstuben nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen der Menschen wärmen. Sie hatten so das Wort Gottes ständig vor Augen, wie es Martin Luther angeregt hatte: „Gottes Werck und Wort an allen Enden Ymer Fur Augen.“

Zu den Motiven gehören auch biblische Frauengestalten, die viele Künstlergenerationen fasziniert und zu bekannten Darstellungen inspiriert haben: Salome und Judith. Beide sind für Taten mit verhängnisvollen Folgen verantwortlich.

Bei Judith sind es die Folgen einer Nacht, bei Salome die Folgen eines Tanzes. Diese Frauen haben einen Mann enthauptet oder seine Enthauptung veranlasst. Das Alte Testament berichtet von der betörenden Judith und der Belagerung der jüdischen Stadt Bethulia durch übermächtige assyrische Truppen. Um ihr Volk aus Kriegsnot zu erretten, besucht Judith den Feldherrn der feindlichen Armee, Holofernes. Nach einer Nacht mit ihm schlägt sie ihm den Kopf mit einem Schwert ab (Buch Judith, Kapitel 13, Verse 1 bis 17).

Keusche Judith

Im Neuen Testament ist es die verführerische Salome, die nach ihrem hingebungsvollen Tanz für König Herodes den Kopf von Johannes dem Täufer fordert, der ihr auch überreicht wird (Matthäus, Kapitel 14, Verse 1 und 2 und bei Markus, Kapitel 6, Verse 14 bis 19).

Diese Taten und die Dramaturgie des Kopfabschlagens haben in der bildenden Kunst zu vielen Gemälden geführt. Eindrucksvoll sind zum Beispiel die Porträtbildnisse von Lukas Cranach dem Älteren (1472 bis 1553). Er konzentriert sich voll auf die beiden Frauen, die ihre „Trophäen“ in Schüsseln in den Händen halten.

Bei den Formenschneidern, die die Vorlagen für die Ofenplatten herstellten, spielten die abgeschlagenen Köpfe allerdings nur eine Nebenrolle. Die biblischen Geschichten werden umfassender szenisch wiedergegeben. Und wenn man diese eisernen Abgüsse genau betrachtet, kann man den Detailreichtum nur bewundern. Da die Ofenplatten zum Teil vor über 450 Jahren gegossen worden sind, weisen sie Korrosionsspuren auf, stellen aber ein einmaliges Kulturgut dar.

Judith gilt als Sinnbild der Keuschheit und Demut gegenüber dem Hochmut und der Wollust der Männer. Sie ist aber auch ein Symbol für die Erlösung im Angesicht einer feindlichen Übermacht: Sie beendet laut der Überlieferung die Belagerung der jüdischen Stadt Be­thulia durch assyrische Truppen, indem sie den Feldherrn Holofernes tötet.

Nach der Bibelübersetzung Martin Luthers hat es bei den Assyriern als Schande gegolten, wenn eine bezaubernde Frau „unbeschlaffen“ hinweggehen sollte, sie hätte den Mann dann „genarrt“. In der biblischen Geschichte behält Judith aber ihre Tugend: Sie betört Holofernes mit ihrer Schönheit und ihren klugen Worten - bis es ihr gelingt, den betrunkenen Feldherrn mit dem Schwert zu köpfen.

Eine Ofenplatte des Frankenberger Künstlers Philipp Soldan gibt die ganze biblische Erzählung von Judith szenisch wieder. Die Stadt Bethulia ist vom assyrischen Heer des Nebukadnezar unter dem Kommando des Feldherrn Holofernes belagert. Die aussichtslose Lage für die Verteidiger wird durch zahlreiche Kanonen, Mörser und Munitionsstapel unterstrichen. Die hat es in der Antike bekanntlich nicht gegeben; wie damals üblich, verwendete der Formenschneider für seine Darstellungen die militärische Ausrüstung seiner Zeit. Auch Kleidung und Bauwerke sind zeitgenössisch, nicht antik.

Das Feldherrenzelt des Holofernes nimmt einen großen Teil der linken Ofenplatte ein. In einem zweiten Zelt dahinter sind - als zweite Zeitebene - Judith und Holofernes am Tisch tafelnd zu sehen.Vor dem Eingang zum Hauptzelt steckt die Magd das abgeschlagene Haupt des Holofernes in einen Sack. Der kopflose Rumpf ist auf einem Lager hinter den beiden Frauen zu erkennen. Mit dem im Sack versteckten Kopf konnten die Frauen ungehindert das Lager verlassen.

Das „Meidlin“ Salome

Die Enthauptung des Johannes findet sich auf der Seitenplatte eines Kastenofens wieder, dessen Platten aus verschiedenen Modeln um 1541 gegossen worden sind. Die Former haben offensichtlich mit beliebigen Modeln die Ofenplatte vergrößert, um die Heizleistung des Ofens zu steigern, eine technische Innovation des 16. Jahrhunderts.

Auch in diesen Szenen offenbart eine Detailbetrachtung die Vielfalt des künstlerischen Formenschneidens. In einem Säulenpalais wird der abgeschlagene Kopf des Johannes einer tafelnden Gesellschaft präsentiert.

Im Bibeltext wird der Name Salome noch nicht erwähnt. Martin Luther spricht in seiner Übersetzung nur von einem „Meidlin“. „Meidlin“ entspricht aber mehr einem Mädchen als einer Männer betörenden Frau. Wie auch immer, den Menschen um den Ofen war hinreichend Material zum Wort Gottes gegeben.

  • Die Ausstellung „Bibel in Eisen“ ist bis zum 10. April im Kleinen Rittersaal des Landgrafenschlosses zu sehen.

von Professor Dr.-Ing. Helmut Burger

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