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Zwischen Kunst und Solarphysik

OP-Buchtipp Zwischen Kunst und Solarphysik

Thomas Lehr hat mit „Schlafende Sonne“ den ersten Teil eines literarischen Megaprojekts vorgelegt und landet damit gleich auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Thomas Lehr hat mit „Schlafende Sonne“ den ersten Teil eines ­literarischen Megaprojekts vorgelegt.

Quelle: Hanser Verlag, Thomas Frey/dpa

Wenige deutsche Schriftsteller sind sprachlich so ambitioniert, intellektuell so überbordend und herausfordernd wie Thomas Lehr (59). Das zeigte sich bereits in seinen früheren Werken „Nabokovs Katze“, „42“ oder „September. Fata Morgana“. Mit „Schlafende Sonne“ hat er jetzt den ganz großen Wurf gewagt.

Lehrs neues Buch versteht sich als eine Art Universalroman und reiht sich ein in die Literatur der Moderne, etwa eines James Joyce, die nach neuen, expe­rimentellen Ausdrucksformen sucht.

Man kann „Schlafende Sonne“ als Röntgenbild des 20. Jahrhunderts lesen. Das Buch streift die unterschiedlichsten Wissensgebiete: Politik, Kunst, Physik, Astronomie und vieles andere mehr. Dabei verzichtet der Autor auf jegliche Chronologie oder stringente Erzählweise. Stattdessen eine lockere Abfolge von aufpoppenden Erinnerungssequenzen, Assoziationsschüben und Perspektivwechseln. Lehr hat seine Grundidee, Zeit zu zertrümmern und aufzulösen, wirklich konsequent umgesetzt. Für den nach Orientierung suchenden Leser ist das aber anstrengend.

Alles zu gigantischem Kosmos verwoben

Das Buch ist auch ein Künstlerroman. Die Hauptfigur ist die Malerin Milena Sonntag, die im August 2011 ihre erste Retrospektive feiert. Milena stammt aus der DDR, wuchs in einer Dresdner Künstlerkolonie auf. Ihr Mann Jonas, ein Astrophysiker, kommt aus Freiburg. Beide begegneten sich in einem Göttinger Philosophieseminar, wo sie zusammen mit dem Philo­sophen und Dokumentarfilmer Rudolf eine bewegte Ménage à trois bildeten. Nun lehrt Rudolf in Tokio, trifft aber seine frühere Studentin Milena zu deren Ausstellungseröffnung in Deutschland wieder.

Neben diesem Dreigestirn tauchen in dieser weit verästelten Erzählung weitere Personen auf, ehemalige Geliebte, deren Bilder sternschnuppenartig aufleuchten und wieder verglühen, aber auch Figuren wie Edmond und Esther. Hinter ihnen verbergen sich ganz offensichtlich der Philosoph Edmund Husserl und die von den Nazis ermordete Edith Stein. Die Phänomenologie Husserls spielt in dem Roman eine große Rolle ebenso wie die Solarphysik. Oder wie die Studentenbewegung der sechziger Jahre, der Wilhelminismus und der Kriegsausbruch von 1914. Alles ist mit allem verwoben, ein einziger gigantischer Kosmos, ein Sonnensystem.

Autor kündigte zwei Folgeromane an

Lehr ist ein großer Wortkünstler, besonders seine Personenbeschreibungen sind von schöpferischer Originalität, sein Vokabular ist alles andere als klischeehaft. Doch steht zu befürchten, dass viele Leser diese Originalität gar nicht erst entdecken werden, da sie schon vorher abgeschreckt sind von der Verkopftheit und dem einschüchternden intellektuellen Überbau dieses Werks. „Schlafende Sonne“ zeugt auch von künstlerischer Selbstverliebtheit. Ein Buch wie ein Universum, auf das man sich einlassen, das man sich erarbeiten muss, an ein Massenpublikum richtet es sich definitiv nicht.

Lehr hat angekündigt, dass das 640-Seiten-Werk der Auftakt zu einer „Deutschen Trilogie“ werden wird. Im Abstand von fünf Jahren sollen die beiden Folgeromane erscheinen.

  • Thomas Lehr: „Schlafende Sonne“, Hanser Verlag, 640 Seiten, 28 Euro.

von Sibylle Peine

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