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Böse Machenschaften an Elite-Uni

OP-Buchtipp: Takis Würger: „Der Club“ Böse Machenschaften an Elite-Uni

Ein junger Mann wird Student in Cambridge. Dort soll er nicht nur Bildung genießen, sondern auch einen geheimnisvollen Auftrag ausführen.

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Das Foto zeigt Takis Würger bei der Verleihung des CNN Jour­nalist Award 2013.

Quelle: Tobias Hase, Verlag Kein und Aber

Die überraschende Karriere eines jungen Mannes steht im Mittelpunkt von Takis Würgers Romandebüt „Der Club“. In seinem kurzen, aber vielschichtigen und von überraschenden Wendungen geprägten Roman liefert Würger eine Kriminalgeschichte, ein Gesellschaftsporträt und einen Entwicklungsroman. Dazu bietet der Roman Einblicke in eine britische Eliteuniversität sowie spannende Boxgeschichten.

Hauptfigur der Geschichte ist Hans, ein schmächtiger Junge, für den Einsamkeit normal ist. Erst als sein Vater ihn in einem Boxverein anmeldet, kommt etwas Freude in sein bescheidenes Leben. Aber dieses Glück dauert nicht lange. Seine Eltern sterben bald, und Hans ist praktisch ganz allein auf der Welt.

Kurz bevor er das Abitur ablegt, meldet sich seine Tante und nimmt ihm die Entscheidung über seine Zukunft ab. Sie ist Professorin an der berühmten Eliteuniversität in Cambridge und bietet an, ihm ein Stipendium dort zu besorgen. Ohne einen Moment des Bedauerns verlässt er Deutschland und zieht in die englische Universitätsstadt.
Doch uneigennützig ist das Angebot der Tante nicht: „Es geht um ein Verbrechen. Ich brauche deine Hilfe, um ein Verbrechen aufzuklären.“ Was das für ein Verbrechen ist und was er unternehmen soll, verrät sie ihm nicht. Es gibt nur 
einen konkreten Hinweis: Er soll Mitglied im exklusiven Pitt Club werden.

Boxszenen dramatisch geschildert

Hans, der seine Erlebnisse selbst erzählt, ist ziemlich ratlos, bekommt aber Unterstützung auf seiner Mission. Seine 
Tante und eine ihrer Studentinnen, die ebenfalls einige Passagen aus ihrer Sicht erzählen, kennen sich in den Strukturen der Eliten aus, die seit Jahrhunderten das gesellschaftliche Leben des Landes dominieren und die hier ausgebildet werden.

Nach und nach erlebt Hans, wie er seinem Ziel immer näher kommt. Dabei helfen ihm seine boxerischen Fähigkeiten. Würger beschreibt in einer packenden Sequenz einen Boxwettkampf zwischen den Teams der Unis aus Cambridge und Oxford, der an Dramatik kaum zu überbieten ist.

Hans entwickelt sich immer mehr zu einem kommenden Mitglied der Elite, für die der Pitt Club stellvertretend steht. Er beginnt allmählich so ähnlich zu denken wie diejenigen Clubmitglieder, die mit Hans zu tun haben und ebenfalls als Erzähler einzelner Passagen in Erscheinung treten. Immer noch rätselt Hans, um was für ein Verbrechen es sich handelt, auf das seine Tante ihn angesetzt hat. Auch wenn er eine gewisse innerliche Distanz zu den Elitestudenten und ihren Ritualen behält, so fühlt sich der junge 
Deutsche doch zunehmend wohl in dieser Gesellschaft.

Erst als zu den verschiedenen Erzählebenen auch noch eine durchaus anrührende Liebesgeschichte hinzukommt, entwickelt Hans den Blick auf andere Seiten seiner Umgebung. Und auf einmal kann er erkennen, dass sich zwischen Anschein und Wirklichkeit eine 
gewaltige, gut kaschierte Kluft auftut.

Ausnutzen und ausnutzen lassen

Hans lernt, dass die Ideale, die die Gesellschaft angeblich prägen, einen ganz anderen Kern haben. „Wir unterscheiden uns vom Pavian, weil wir die Fähigkeit besitzen, Rache zu üben“, sinniert eine der Figuren. „Geduld zu üben, einen Plan zu entwickeln, diesen Plan umzu­setzen und Erfüllung darin zu finden, wenn er funktioniert.“ Das ganze System, das Würger in Cambridge darstellt, funktioniert nach solchen Prinzipien.

Alle Figuren, die Würger in der Universität beschreibt, profitieren davon, dass sie andere ausnutzen und sich im Gegenzug von anderen instrumentalisieren lassen. Moralische Erwägungen scheinen kaum eine 
Rolle zu spielen für die Profi­teure, die die traditionellen Regeln nutzen. Nur in Ansätzen taucht die Frage auf, ob man etwas Falsches tun darf, um etwas Richtiges zu erreichen.

Takis Würger, Jahrgang 1985, hat als „Spiegel“-Reporter in Afghanistan und dem Irak auf sich aufmerksam gemacht. Er hat selbst in Cambridge studiert, ist dort Mitglied von Studentenclubs geworden und hat für die Uni geboxt. Diese Erlebnisse haben es ihm möglich gemacht, die vielschichtige und spannende Handlung mit einer packenden Stimmung zu erzählen.

  • Takis Würger: „Der Club“, Verlag Kein und Aber, 238 Seiten, 22 Euro.

von Axel Knönagel

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