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Generation Y auf der Suche nach Gefühl

OP-Buchtipp: „Sieben Nächte“ Generation Y auf der Suche nach Gefühl

Um das behütete Dasein abzustreifen, gibt sich der junge Protagonist in „Sieben Nächte“ den sieben Todsünden hin. Es ist ein Kampf um das Gefühl.

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Simon Strauß, der Sohn des Schriftstellers Botho Strauß, hat sein Romandebüt veröffentlicht.

Quelle: Martin Walz / Aufbau-Verlag

Wie sieht der Ausbruch aus geordneten Bahnen aus? Simon Strauß lässt in seinem Debüt „Sieben Nächte“ den wohlbehüteten Protagonisten nicht weniger als sein schlagendes Herz suchen. „Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl“, heißt es gleich zu Beginn dieses empfindsamen Manifestes. Ein junger Mann – „immer schon satt gefüttert, mit allen Chancen versehen“ – geht auf die Suche nach Erfahrungen außerhalb seines Sicherheitsbereichs.

Bisher lebt der namenlose Ich-Erzähler in seiner Blase. Nivea-Creme, Altbau, Stuckdecke, Karriereplan. Es sind die Schlagworte der Generation Y, der nach 1980 Geborenen, die mit Goldlöffel im Mund Kindheit, Schule, Universität hinter sich gebracht haben. „Sehr bald werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau.“ Davor soll es noch etwas geben. Und da greift Strauß auf das in der Kunstgeschichte beliebte Thema der sieben Todsünden zurück.

„Noch habe ich keinen Ruf zu verlieren“

Hochmut, Völlerei, Trägheit, Habgier, Neid, Wollust, Zorn. Ein Bungeesprung vom Hochhaus, Fleischessen im Gourmetrestaurant, die eigene Wohnung, Pferdewetten an der Trabrennbahn, Begierde nach der Vergangenheit, ein Maskenball, das Ende einer Bekanntschaft – die sieben Episoden sind weder ausschweifend noch wüst, nicht anrüchig oder obszön. Und das gerade ist die Stärke des Romans: Sie sind wunderbar beobachtete und erzählte Szenen, die – anders als der pathetische Buchtitel behauptet – nicht alle des Nächtens handeln.

„Noch habe ich keinen Ruf zu verlieren“, meint der Protagonist einmal. Und das gilt wohl auch für den 1988 geborenen Autor selbst. Er ist der Sohn des Büchner-Preisträgers Botho Strauß, einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Deutschlands. „Wir ewigen Zweiten“, heißt es beim jungen Strauß einmal. „Die wir nachts heimlich die eigenen Namen in die Bücher unserer Väter schreiben, in der Hoffnung, das Erbe gäbe uns Kraft.“

In seinem Prosa-Debüt widmet er sich ungefiltert den Empfindungen und findet überaus zarte Bilder dafür. Einen Vorwurf muss man „Sieben Nächte“ allerdings machen: Es ist ein Klientel-Roman. Zwar sucht der Erzähler stets die Distanz von seinem intellektuellen Erbe, greift aber zugleich immer wieder darauf zurück. So sind die Kapitel mit lateinischen Begriffen überschrieben. Er zitiert mal den Römer Statius, mal Georges Braque oder Gottfried Benn. Er echauffiert sich über nächtliche Rollkoffer, Restaurants, die keine EC-Karten akzeptieren, oder den Pink-Grapefruit-Saft in der Bio Company. Manche Probleme bleiben eben manchmal nur einer Gesellschaftsschicht vorbehalten.

„Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus“

Viele dürften sich daher nicht mit dem Protagonisten identifizieren können. Und so fällt es schwer, das Buch als Pamphlet für mehr Sinnlichkeit zu lesen, so wie es teilweise angelegt ist. Es zeigt vielmehr etwas anderes: So sehr man sich auch voller Hoffnung an die sieben vermeintlich schlimmsten Frevel klammert, die eigene Herkunft ist einfach nicht abzuwerfen.

So klagt der Erzähler etwa gleich am Anfang: „Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus.“ Auf der Trabrennbahn freut er sich später hingegen über die verlorene Pferdewette seines Rivalen: „Noch bevor ich das Ergebnis prüfe, fällt mein Blick auf Superdaddy und seinen eingeknickten Siegerarm. Was für ein göttliches Bild.“ Das ist nur ein Beispiel für inkonsequentes Erzählen. Positiv ausgelegt: Es ist dem literarischen Furor des jungen Strauß entwachsen, der sich für das große Ganze um solche Kleinigkeiten nicht kümmert.

Frank Wedekind hat einmal gedichtet: „Aus der Sünde wächst Genuss.“ Und so ist auch das Strauß-Debüt tatsächlich ein treffendes Buch über die Unwägbarkeiten gebildeter, 30-jähriger Großstädter geworden. Doch hat es zuweilen den Anschein, „Sieben Nächte“ hätte gern mehr sein wollen.

  • Simon Strauß: „Sieben Nächte“, Blumenbar, 144 Seiten, 16 Euro.

von Sebastian Fischer

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