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Follett kehrt nach Kingsbridge zurück

OP-Buchtipp: „Das Fundament der Ewigkeit“ Follett kehrt nach Kingsbridge zurück

Die Rückkehr nach Kingsbridge, der fiktiven Stadt seines Welterfolgs „Die Säulen der Erde“, ist eine Rückkehr Ken Folletts zum Mittelalterroman. Dafür ist das Buch ein echter ­Follett – im Guten wie im Schlechten.

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Nach „Die Säulen der Erde“ und „Die Tore der Welt“ erschien nun der neue Kingsbridge-Roman des internationalen Bestsellerautors Ken Follett.

Quelle: Arne Dedert, Bastei-Lübbe

Der ­entscheidende Satz, der das ganze Buch ­beschreibt, fällt irgendwo in der Mitte der gut 1100 Seiten: „Manchmal hatte Ned das sichere Gefühl, dass die Welt hoffnungslos verkommen war.“ Der Satz beschreibt die Zeit, in der das neue Buch von Ken Follett spielt. Und er lässt auch ahnen, dass der Brite beim Schreiben von „Das Fundament der Ewigkeit“ an die heutige Zeit gedacht hat, mit religiösem Extremismus, Hetzern und Intrigen. 27 Jahre nach seinem Welterfolg „Die Säulen der Erde“ und zehn Jahre nach dem zweiten Roman dieser Serie, „Die Tore der Welt“, spielt auch dieses Buch ­wieder in der fiktiven Stadt Kings­bridge. Und wieder ist es ein ­typischer Follett – mit allen Vor- und Nachteilen.

Der Mittelalterroman ist gar keiner, denn er spielt in der frühen Neuzeit. Es ist eine Zeit des Umbruchs nach der Reformation, in der zuerst unter Königin Maria I., der „Bloody ­Mary“, die Katholiken grausam die Protestanten verfolgen und danach unter Elisabeth I. die Protestanten grausam die Katholiken. 
Eine Zeit, in der Menschen sterben, weil sie nicht so an Gott glauben, wie es den anderen gefällt. Eine Zeit, in der die Macht Spaniens schwindet und die Englands wächst und Frankreich von grausamen Religionskriegen zerrüttet wird. Und eine Zeit, in der die ersten modernen Geheimdienste entstehen. Darum geht es in dem Buch auch im Wesentlichen: Der Kampf im 16. Jahrhundert um religiöse 
Toleranz und die Abwehr von Umstürzen in England.

Handlungsstränge verheddern sich nicht

„Ja, es gibt ein paar Echos des 16. Jahrhunderts in unserer Zeit“, sagt Follett im Interview der dpa. Religiöse Feindseligkeiten seien auch heute alltäglich und der islamistische Terror beunruhige ihn: „Sind wir nicht alle bestürzt, wenn unschuldige Menschen aus idiotischen Gründen getötet werden?“ Auch deshalb schätze er die Arbeit von Geheimdiensten, die Leben retten könne. Aber: „Alle Premierminister und ­Präsidenten und Kanzler dachten immer, sie hätten ihren Dienst unter ­Kontrolle.“ Eine zwar ­schwere Aufgabe. „Es ist aber in einer Demokratie auch eine so wichtige Aufgabe, diese Kontrolleure zu kontrollieren.“

Wie immer schreibt der in ­Wales geborene Engländer flüssig; er strickt unterschiedliche Handlungen, überfrachtet den Leser aber nie mit Namen oder Strängen. Folletts Methode, jedem Protagonisten ein, zwei typische Merkmale mitzugeben, damit man sich einfacher erinnert, wer denn nun Bart und wer Carlos war, hilft enorm. Die Handlungsstränge sind zwar ­ineinander verwoben, aber sie verheddern sich nicht; und Follett ist ein Dienstleister, der immer seinen Leser im Blick hat.

Im Roman ist die Welt schwarz-weiß

Aber Follett scheint seinen Lesern auch keine ­Zwischentöne zuzutrauen. Und so sind bei ihm immer die Bösen abgrundtief böse ohne eine positive Seite und die Guten ausnahmslos edel. Das ist auch bei „Das Fundament der Ewigkeit“ nicht anders. Gleich auf den ersten ­Seiten wird einer der Protagonisten mit so vielen sexistischen Vorurteilen ausgestattet, dass es fast zur Farce wird. Die Welt mag grau sein, in Folletts Romanen ist sie oft schwarz-weiß.

Aber das neue Buch ist in noch einer Hinsicht ein echter Follett: Der historische Roman ist wieder einmal akribisch recherchiert (Follett hat da ein ganzes Team) und detailliert aufgeschrieben. Es ist quasi ein doppelter Bildungsroman; nicht nur, weil sich der anfangs adoleszente Held entwickelt, sondern weil das Buch gleich noch etwas für die Bildung des Lesers tut, ihm die Religions­kriege und die Thronkämpfe, den Aufstieg und Untergang großer Reiche und die Entwicklung der Menschheit zum Beginn der Neuzeit erklärt. Ein Geschichtsbuch, das man nach mehr als 1150 Seiten mit dem Bedauern weglegt, dass es zu Ende ist; das gibt es nicht so oft.

  • Ken Follett: „Das Fundament der Ewigkeit“, Bastei-Lübbe, 1162 Seiten, 36 Euro.

von Chris Melzer

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