Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 8 ° Regen

Navigation:
Familiärer Blick auf Revolutions-Ikone

OP-Buchtipp: Juan Martin Guevara: „Mein Bruder Che“ Familiärer Blick auf Revolutions-Ikone

Sein früher Tod machte ihn unsterblich: Ernesto „Che“ Guevara. Er wurde zur Revolutionsikone, 
sein Bild millionenfach vermarktet. Sein jüngster Bruder wendet sich gegen jede Mystifizierung – und verherrlicht ihn doch.

Voriger Artikel
Auf den Spuren Tucholskys
Nächster Artikel
Lars Reichow beschwört „Freiheit“

Juan Martín Guevara (rechts) findet den Personenkult um älteren Bruder Ernesto „Che“ Guevara „unangenehm“.

Quelle: UPI/dpa, Pablo Sanguinetti

Als er noch nicht der „Che“ war, hatte Ernesto Guevara eine 
Angewohnheit, mit der er die ganze Familie halb wahnsinnig machte: Bücher mit aufs Klo zu nehmen und Ewigkeiten dort sitzen zu bleiben. Pech für den, der mal musste. „Bittet man ihn, endlich das Klo freizugeben, fängt er an, Gustave Flaubert, Alexandre Dumas oder Baudelaire zu zitieren, auf Französisch versteht sich, damit man sich noch mehr aufregt!“, weiß Juan Martín Guevara zu berichten.

Juan Martín (74) ist der jüngste Bruder „Che“ Guevaras (1928-1967) – des argentinischen Revolutionärs, der mit Fidel Castro auf Kuba kämpfte und in Bolivien erschossen wurde, als er die Revolution dorthin exportieren wollte. Sein früher Tod machte ihn zur Legende. Juan 
Martín, 1943 als Nachzügler geboren, hat nun seine Erinnerungen publiziert. In dem Buch „Mein Bruder Che“, das die französische Journalistin Armelle 
Vincent für ihn schrieb, will er zeigen, wie der zur Ikone verklärte Comandante als Mensch wirklich war. Mystifizierung, Heiligenverehrung und die Vermarktung des Konterfeis in der 
Werbung sind ihm ein Graus.

„Barbudos“, die bärtigen 
Revolutionäre, siegen

Es muss hoch hergegangen sein in der Familie Guevara de la Serna. Der Vater „ein Tango­tänzer ohne Studienabschluss“, die Mutter aus guter Familie – diese missbilligte die Liaison. Außer Ernesto und Juan Martín drei weitere Kinder, und wenn nicht gelesen wurde, wurde lautstark diskutiert. Als „liberale Bohemiens“ beschreibt Guevara die Eltern, als „etwas durchgeknallt“ die ganze Familie. „Jeder von uns hat einen Sprung in der Schüssel“, heißt es in der deutschen Übersetzung.

Bruder Ernesto trug abgeris­sene Klamotten, pfiff auf seine äußere Erscheinung – und trotzdem flogen die Frauen auf ihn.

Nesthäkchen Juan Martín ist noch ein Kind, als sich Ernesto trotz seines Asthmas aufmacht, Lateinamerika zu erkunden. Legendär ist seine 2004 verfilmte Motorradreise mit Alberto Granado von 1952. Drei Jahre 
später schließt er sich in Mexiko Castros Revolutionären an, die dort im Exil ausharren. Die geben ihm auch seinen Spitznamen – weil Argentinier ständig „che“ sagen, wenn sie mit einem reden. Das umgangssprachliche Wörtchen heißt so viel wie „hey“.

Ende 1956 setzen 82 Revolutionäre mit der Jacht „Granma“ nach Kuba über, um Diktator 
Fulgencio Batista zu stürzen. Die meisten sterben gleich nach der Landung im Kugelhagel, unter den wenigen Überlebenden sind Guevara und die Brüder Fidel und Raúl Castro. Die Familie zittert in Buenos Aires, denn sechsmal wird in den folgenden zwei Jahren „Ches“ Tod gemeldet. Aber die „Barbudos“, die bärtigen Revolutionäre, siegen. 
Als Guevara die Stadt Santa 
Clara einnimmt, türmt Batista. Am 1. Januar 1959 hat die Revolution gesiegt.

„Der Bruder von Che 
zu sein, war nie leicht“

Nun beginnt für die Familie eine aufregende Zeit: Castro selbst schickt ein Charterflugzeug nach Buenos Aires, um „Ches“ Eltern und Geschwister Anfang 1959 nach Havanna zu fliegen. Nach sechs Jahren kann die Mutter den verlorenen Sohn dort in die Arme schließen. Im revolutionären Kuba werden die Guevaras gefeiert. Später wird die Karibikinsel zum sicheren Hafen für die Familie.

„Der Bruder von Che zu sein, war nie leicht“, sagt Guevara. Das gilt vor allem im Argentinien der 70er Jahre. Unter der unfähigen Präsidentin Isabel 
 Perón taumelt das Land ins Chaos, 1976 putscht das Militär. Juan Martín, Aktivist der linksextremen Arbeiterpartei PRT, wird schon 1975 verhaftet, Frau und Kinder und der verwitwete 
Vater sind da längst auf Kuba. Er überlebt acht Jahre Haft, zum Ende der Militärdiktatur kommt er 1983 frei. Er lebt einige Jahre gut vom Import kubanischer 
Zigarren, geht dann pleite mit einem Restaurant. Erst 2007 beginnt er, über die Familiengeschichte zu reden.

Ein bewegtes Leben also. Armelle Vincents Text ist lebendig geschrieben, einige Übersetzungsfehler und falsche Zahlen sind zu verschmerzen. Juan Martín verehrt Bruder Ernesto, eine kritische Auseinandersetzung mit der Figur „Che“ Guevara – einem doktrinären Stalin-Verehrer – ist nicht zu erwarten.

Kein Wort also über die verheerende Bilanz seiner Tätigkeit als kubanischer Zentralbankchef und Industrieminister. „Unter der Führung von Ernesto Che Guevara ging es mit der kubanischen Wirtschaft rasch bergab“, schreibt der mexikanische Politologe Jorge G. Castañeda 
in seiner 1997 erschienenen und noch immer lesenswerten Guevara-Biografie.

„Ich bin Marxist-Leninist-Guevarist“, sagt Juan Martín. Er verteidigt das kommunistische System Kubas, inhaftierte 
Dissidenten sind aus seiner Sicht „CIA-Agenten“. Er glaubt, die Ideen seines Bruders könnten noch immer helfen, die Welt zu verändern und dem Kapitalismus den Garaus zu machen. „Der marxistische Leuchtturm des 21. Jahrhunderts wird Che sein“, sagt der kleine Guevara. Das klingt dann doch nach der eigentlich gar nicht gewollten Mystifizierung.

  • Juan Martin Guevara/Armelle Vincent: „Mein Bruder Che“, Klett-Cotta Tropen, 353 Seiten, 22 Euro.

von Klaus Blume

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr