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Eigentümlichkeiten des Weißen Hauses

OP-Buchtipp: Joan Didion: „Sentimentale Reisen“ Eigentümlichkeiten des Weißen Hauses

Als Joan Didions Essay-Band „Sentimentale Reisen“ im Herbst vergangenen Jahres bei Ullstein 
erschien, waren die USA noch ein anderes Land als heute.

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tun und abwarten

Die US-Autorin Joan Didion legt eine politische Essay-Sammlung vor.

Quelle: Brigitte Lacombe

Es waren die letzten Wochen der Ära Obama – einer zwei 
Legislaturen andauernden Ära, in der die Vereinigten Staaten von Amerika zwar längst nicht alle innen- und außenpoli­tischen Probleme abarbeiten konnten. Aber immerhin Jahre, 
in denen es eine mehr oder 
weniger stabile Gesellschaftsordnung zu geben schien.

Mittlerweile, inmitten des Durcheinanders, das US-Präsi­dent Donald Trump innerhalb weniger Tage in Washington angerichtet hat, käme vermutlich kaum jemand spontan auf die Idee, sich mit den Vereinigten Staaten der 80er und 90er Jahre des zurückliegenden 20. Jahrhunderts zu beschäftigen.

Der neue Mann im Weißen Haus lässt kaum einen Stein auf dem anderen, er nimmt das politische System und die Gesellschaftsordnung der USA auseinander, um es dann und nach seinem eigenen, kaum nachvollziehbaren Gusto wieder zusammenzubauen. Da erscheinen Essays wie jene der Journalistin und Buchautorin Joan Didion auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen. Doch es wäre gerade jetzt ein Fehler, einen Band wie „Sentimentale Reisen“ deshalb aus der Hand zu legen.

Denn Didions messerscharf sezierender Blick auf die Seilschaften der Politik, des Kapitals, der US-Intellektuellen und der Medienindustrie erklärt – über Umwege freilich – auch ein wenig das Phänomen des Erfolgs eines Mannes wie Donald Trump.

Didion schrieb – damals über Ronald Reagan – Sätze, die unheimlicherweise noch heute 
als Blaupause für die Realität des politischen Washington taugen: „Als wir uns nach dem Ende der Reagan-Ära beeilten, ein für alle Mal klarzustellen, dass wir schon immer gewusst hatten, wie eigentümlich das Weiße Haus in dieser Besetzung gewesen war, vergaßen wir darüber ganz, wie eigentümlich das Weiße Haus an sich war, was weniger mit der Leere in seinem Inneren zu tun hatte als mit der gewaltigen Fliehkraft, die durch diese innere Leere an den Außenseiten freigesetzt wurde.“

  • Joan Didion: „Sentimentale Reisen“, Ullstein, 366 Seiten, 22 Euro.

von Carsten Beckmann

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