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„Durst“: Härtetest für Harry Hole

OP-Buchtipp „Durst“: Härtetest für Harry Hole

Bereits seit 20 Jahren ­begibt sich der Osloer Ermittler Harry Hole auf die Spur so raffinierter wie blutrünstiger Mörder. Jo Nesbø lässt den Schrecken für seinen Helden immer weiter eskalieren.

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Der norwegische Autor Jo Nesbø unterzieht seine Hauptfigur ­Harry Hole einem Härtetest.

Quelle: Britta Pedersen, Ullstein

Er beherrscht das Spiel mit falschen Fährten, unerwarteten Volten und Cliffhangern aus dem Effeff – und seine weltweit in die zig Millionen gehenden Leser lieben Jo Nesbø dafür. Bei „Durst“, dem elften Band der Thriller-Reihe um den Mordermittler Harry Hole, werden die Fans des norwegischen Krimistars nicht enttäuscht. Wohl selten hat Nesbø so viele Überraschungen in seine komplexen, oft hochgradig artifiziellen Handlungsgerüste eingebaut. Und wohl selten hat er Horror- und Schock-Elemente derart betont wie in diesem knallharten Roman.

Soviel als Lockstoff – oder als Warnung für Leser mit schwächeren Nerven, je nachdem. Der Vorwurf, stets nur am „skandinavischen Gewaltporno“ (ARD-Literaturkritiker Denis Scheck) zu schreiben, ist bei Nesbø nicht neu. Ebenso wenig wie die 
Beobachtung, dass seine seit 1997 regelmäßig erscheinenden Harry-Hole-Bücher eine unverhohlene Nähe zu explizit grausigen Kinofilmen wie „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Seven“ aufweisen.

Dabei sagt der 57 Jahre alte Erfolgsautor der Deutschen Presse-Agentur von sich, er vertrage eigentlich keine Horrorfilme. „Neulich habe ich aus Versehen in einen reingeschaltet. Ich habe mich wegdrehen müssen und – die Fernbedienung weit von mir gestreckt – umgeschaltet. Aber die zehn Sekunden waren schon zu viel.“ Auch in „Durst“ kann einer der Protagonisten der ­Serienmörder-Geschichte „kein Blut sehen“.

Nesbø übertrifft sich selbst bei der Spannung

Nach der Quasi-Wiederauferstehung von den Toten im zehnten, für viele bisher besten Harry-Hole-Roman ­„Koma“ (2013) bekommt es der aus privaten Gründen als Polizeihochschuldozent tätige Ermittler nun mit einem Dämon der Vergangenheit zu tun. Nesbø nimmt einen im Vorgängerband angedeuteten Faden wieder auf. Der im Wortsinn bestialisch vorgehende Mörder wildert in ­Oslo bei Tinder, also unter ­Frauen, die sich über dieses Dating-
Portal mit Männern verabreden – auf der Suche nach Liebe oder wenigstens Sex.

Der (nicht ganz) trockene Alkoholiker Hole, seit „Koma“ glücklich verheiratet mit seiner großen Liebe Rakel, wird vom krankhaft ehrgeizigen Polizeipräsidenten Mikael Bellman genötigt, die Spur des titelgebenden, bluttrinkenden Psychopathen – eines „Vampiristen“ – aufzunehmen. Das Ausmaß des Schreckens, aber auch der Hochspannung schon im ersten Teil des Romans übertrifft alles, was man von Nesbø gewohnt war. Selbst im Vergleich mit Schockern wie „Schneemann“ (ab 19. Oktober im Kino mit Michael Fassbender in der Hauptrolle) oder „Leopard“.

Geschickt verwebt Nesbø in seinem neuen Pageturner (gut 620 rasant lesbare Seiten) klassische Krimimotive: den verrückten Wissenschaftler, die eigen­sinnig drauflos ­schnüffelnde Reporterin, den allzu selbstgewissen Mörder. Der Autor lässt Hole über seinen eigenen Durst nachdenken – den Durst nach Gerechtigkeit in einer düsteren Welt, aber auch nach persönlicher Anerkennung, gar Erlösung. Er baut verdächtige Figuren auf, die den Leser zum Denksport anregen (und am Ende oft genug verblüfft zurücklassen). Sogar ein Quäntchen Humor beweist er, indem er ausgerechnet den „Alki“ Hole zum Kneipenbesitzer macht.

Nicht nur für Freunde von Skandinavien­krimis

Aber Nesbø spult diesmal eben auch eine besonders lange Reihe von Splatter-Szenen ab, die der „Gewaltporno“-Kritik weitere Nahrung liefern dürften. Nach einigen nicht immer hundertprozentig plausiblen Wendungen kommt es gleich zweimal zum Showdown – atemberaubend geschrieben, aber, na klar, extrem blutig. Wie es mit dem sympathisch ambivalenten Helden Harry Hole weitergehen könnte, deutet Nesbø im Epilog an – mit einem weiteren gruseligen Schatten aus der Vergangenheit des melancholischen Ermittlers.

Rund 30 Millionen Mal wurden die Bücher des Norwegers bereits verkauft, der seine Handlung gern über erlesene Rockmusik-Zitate (diesmal Father John Misty, Sufjan Stevens, The White Stripes) in der Gegenwart verankert. Auch „Durst“ wird nicht nur bei Skandinavien­krimi-Freunden großen Erfolg haben.

Zumal Nesbø als Schriftsteller noch viel vorhat: „Für mich ist es ein kurzer Weg von der Idee bis zur geschriebenen Geschichte.“ Im dpa-Interview fügt er hinzu: „Es war immer normal für mich, mir Geschichten auszudenken. Geschichten zu erfinden ist eine Methode, Ordnung ins Chaos zu bringen.“ Unterhaltsame Thriller zu schreiben, könne da helfen: „Ein Krimi beginnt ja mit Furcht und Chaos und endet mit Ordnung und einer Lösung.“

  • Jo Nesbø: „Durst“, 624 Seiten, Ullstein, 24 Euro.

von Werner Herpell

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