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Mörderische Jagd in Francos Spanien

OP-Buchtipp: „Das Labyrinth der Lichter“ Mörderische Jagd in Francos Spanien

Nach zwei erfolgreichen Fortsetzungen erscheint nun mit „Das Labyrinth der Lichter“ der Abschluss einer Serie, der den Leser tief in die politischen ­Abgründe des franquistischen Spaniens führt.

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Der spanische Autor Carlos Ruiz Zafón hat mit „Das Labyrinth der Lichter“ den vierten und letzten Teil der Reihe veröffentlicht, mit der er zum Bestsellerautor wurde.

Quelle: Michael Kappeler

Der Himmel über Barcelona steht bereits in Flammen, als eine Fliegerbombe im Wohnhaus der jungen Alicia Gris einschlägt und es dem Erdboden gleichmacht.

Während sich dunkle Aschesäulen stiebend durch die Ramblas wälzen und ein sich langsam im Stadtkern ausbreitendes Glutmeer erbarmungslos nach dem Mädchen zu greifen scheint, findet dieses dank der Hilfe eines Unbekannten Zuflucht an einem mysteriösem Ort: dem „Friedhof der vergessenen Bücher“.

Es ist wohl das letzte Mal, dass Carlos Ruiz Zafón seine Leser in „Das Labyrinth der Lichter“ an diesen Hort des verlorenen Wissens im Herzen Barcelonas zurückkehren lässt. Rund 16 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans „Der Schatten des Windes“, der in 36 Sprachen übersetzt und schätzungsweise weltweit rund 15 Millionen Mal verkauft wurde, bildet der Roman den Abschluss der Tetralogie, die den Spanier in den Rang eines Literatur-„Popstars“ erhoben hat. Lediglich Landsmann Cervantes kann wohl mit „Don Quijote“ höhere Verkaufszahlen vorweisen.

Aufklärung gestaltet sich schwierig

Und streng genommen kämpft auch Zafóns Protagonistin Alicia Gris in dessen neuestem Werk gegen Windmühlen. Rund 20 Jahre nach jener schicksalhaften Bombennacht hat sich die junge Frau als Sonderermittlerin in der Hauptstadt Madrid einen Namen gemacht. Ein letzter Geheimauftrag der Politischen Polizei führt sie zurück in ihre Heimat Barcelona, in der sie das Verschwinden von Minister Mauricio Valls, dem ehemaligen Kerkermeister des berüchtigten Foltergefängnisses von Montjuïc, untersuchen soll. Ihre einzige Spur: ein geheimnisvolles Buch aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“ von Victor Mataix, einem ehemaligen Häftling des Kastells.

Schnell zeigt sich, wie schwer sich die Aufklärung eines Verbrechens in der wohl unbarmherzigsten Zeit der Franco-Diktatur gestalten kann. Zeugen oder Ermittler verschwinden spurlos, etwa um Wochen später als aufgedunsene Wasserleiche wieder aufzutauchen, während Mitwisser auf offener Straße liquidiert werden. Ein ominöser Widersacher zieht unterdessen hinter dem Paravent der Politik die Fäden, wodurch Alicia immer tiefer in den Sog aus Geheimnissen und Intrigen gerät. Bald schon wird klar, dass längst nicht mehr nur das Leben des Ministers auf dem Spiel steht.

Romantisierung und Umfang schießen übers Ziel hinaus

Doch auch in dieser tristen, elegischen Epoche hat sich Zafóns Barcelona einen Teil seiner Magie bewahrt. Das ist vor allem dem unverkennbar pittoresken Schreibstil geschuldet, mit dem er auch dem Herkömmlichen und Ordinären den Anstrich des Extravaganten zu verleihen vermag. So wird der Gauner zum „Zigeunerfürsten“, ein vor sich hinrottendes Madrider Luxusetablissement zum „Selbstmordhotel“ und Alicias im Schatten agierender Patron zum „Fürsten der Dunkelheit“ gekrönt.

Mit der zum Teil überzogenen Romantisierung schießt Zafón immer mal wieder über das Ziel hinaus – ebenso mit der Fülle des Werkes, das mit knapp 950 Seiten wirklich kein Taschenbuchformat hat. Auch wirkt es stellenweise so, als verlasse sich der Spanier zu stark auf bewährte Elemente der Reihe. Bekannte Rätsel wie das Geheimnis um die Identität eines mysteriösen Autoren, vertraute Gesichter und ihre Marotten: eine Schwäche, die dem Autoren bewusst zu sein scheint. So beklagt eine Figur in seinem Roman: „Immer wirft man mir vor, ich wiederhole mich. Das ist eine Krankheit, die alle Romanciers befällt.“

Alle Handlungsstränge der Vorgänger finden zusammen

Und doch sind es gerade diese Eigenheiten, die „Das Labyrinth der Lichter“ vom herkömmlichen Kriminalroman unterscheiden. Die Verschrobenheit der Charaktere, die stilsicher inszenierten, oft von Ironie durchtränkten Wortgefechte und die Eindrücke einer albtraumhaft verzerrten Großstadt, in der selbst vor dem Hintergrund bösartigster Verbrechen das Grau des Alltags schwerer zu wiegen scheint – all das bricht den genretypischen, linearen Erzählfluss immer wieder erfrischend auf.

Zafón selbst hatte zwar in der Vergangenheit immer wieder betont, dass der Romanzyklus, ähnlich wie ein Labyrinth, verschiedene Eingänge habe, und so in beliebiger Reihenfolge gelesen werden kann. Doch wer sich daran hält, versäumt wohl die größte Stärke des Abschlusswerkes. Schließlich laufen in dieser Geschichte alle Fäden zusammen, alle Handlungsstränge der Vorgängerromane werden sinnstiftend verbunden und aufgelöst. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, wird sich wohl trotzdem gut unterhalten fühlen. Fans der Reihe dürfte die finale Auflösung des Zafónschen Erzählkosmos jedoch deutlich mehr begeistern.

  • Carlos Ruiz Zafón: „Das Labyrinth der Lichter“, S. Fischer Verlag, 944 Seiten, 25,00 Euro.

von Fabian Wegener

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