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Nur nicht verzagen, Frieda fragen

Waggonhalle Nur nicht verzagen, Frieda fragen

Das Publikum kann das Kichern nicht lassen, wenn Frieda Braun mit devoter Körperhaltung wie auf einem Minenfeld über die Bühne der Waggonhalle trippelt.

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Strickjacke, Hornbrille und Hochsteckfrisur: Frieda Braun erklärt die Welt.Foto: Benjamin Kaiser

Marburg. Natürlich alles Show. Sich selber als graue Maus zu inszenieren, die kein Wässerchen trüben kann, will schließlich geübt sein. Doch merkt das Publikum am Dienstagabend schnell, dass hinter der burschikos gekleideten Dame mit der Hochsteckfrisur eine Frau mit viel Witz und einem messerscharfen Verstand steckt.

Keiner im deutschen Kabarett versteht es, derart ulkig das für Städter manchmal sehr dubios anmutenden Kleinstadtgeschehen auf die Bühne zu bringen. So nimmt die Frau aus Winterberg unter anderem das Rentnerdasein, Schützenvereine und unliebsame Treffen mit Nachbarn ins Visier - und entpuppt sich dabei als Spaßkanone. Als stünden Einwohner des Sauerland-Städtchens Winterberg versteckt in den Ecken der Waggonhalle, um ihr bei Fehltritten die Leviten zu lesen, blickt sich Braun immer wieder verstohlen und ebenso nervös um, wenn sie über andere Dorfbewohner lästert oder aus dem Nähkästchen plaudert. Klar, in Dörfern gibt es kaum Geheimnisse, und Braun serviert sie ihrem Publikum heiß und deftig in großen Portionen.

Ganz bescheiden hat sich die Frau mit der überdimensionalen Hornbrille zur Retterin ihres Heimatortes erklärt und klamüsert den 180 Zuschauern im urigen Sauerländer Platt ihren „fabelhaften Plan“ auseinander. Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum, dass heute Abend am ganz großen Rad gedreht wird.

Um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen, haben sich Braun und ihre fiktiven Freundinnen aus Winterberg ein Kursprogramm ausgedacht. Die Kurse sollen essenzielle Fragen des Lebens beantworten. Beispielsweise welche Kräuter man essen kann, wenn der Euro wie Wasser vom Konto läuft. „Früher war es doch etwas Gutes, wenn man sagte, dass man flüssig ist“, klagt Braun. Jeder Zuschauer sei bei den Kursen willkommen, um seinen Horizont zu erweitern. Aber Obacht! Gerade die Frauen im Saal sollten nochmal eine Nacht über ihre Kurswahl schlafen. „Früher haben die Ehen gehalten, aber heute kaum noch. Das liegt eben daran, dass die Frauen früher ungebildet waren und nicht gemerkt haben, wie blöd ihr Ehemann doch ist“, grinst Braun und schleudert den anwesenden Frauen entgegen: „Mädels, überlegt euch, wie viel Bildung eure Beziehung verträgt!“

Unterm Strich stehen nach rund 100 Minuten viele fragliche Vorschläge zur Lebensverbesserung. Eins ist jedoch nicht fraglich: Dem Publikum beschert die urige Schrulle einen tollen Abend.

Die Zuschauer spenden tosenden Beifall und trampeln wie beim Karneval auf dem Boden herum, bis die Waggonhalle bebt.

von Benjamin Kaiser

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