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„Nur keine Leere aufkommen lassen!”

Premiere: Einige Nachrichtane an das All „Nur keine Leere aufkommen lassen!”

Am Samstag feierte das Stück des mit mehreren Preisen ausgezeichneten Dramatikers Wolfram Lotz Premiere am Hessischen landestheater Marburg. Es berührt die Grundfragen der menschlichen Existenz.

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Was hat der CDU-Politiker Ronald Pofalla (Stefan A. Piskorz) mitzuteilen, das würdig wäre, als Nachricht in das All geschickt zu werden. Zu sehen ist es auf der Bühne des Landestheaters.

Quelle: Haindl

Marburg. Lum und Purl Schweitzke wollen ein Kind. Um die biologische Möglichkeit dieses Wunsches oder gar um das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare geht es in „Einige Nachrichten an das All“ jedoch nicht - die beiden Hauptfiguren des Stücks wollen einfach nur ein Kind, „so eines, das bei der Geburt klein ist und dann größer wird“. Es soll ihrem Dasein einen Sinn geben, der über das „Da-Sein” - also ihre reine Anwesenheit auf einer Theaterbühne - hinausgeht.

Charles Toulouse und Tobias M. Walter spielen die Sinnsucher, die wie Wiedergänger von Figuren des absurden Theaters von Samuel Beckett wirken. Tatsächlich lassen Charakterzeichnung und Aussagen des seltsamen Paares mal an die aussichtslos auf Godot wartenden Estragon und Wladimir denken, dann wieder an Clov und Hamm aus dem Stück „Endspiel“. Ähnlich wie letztere sind sie in ihren Bewegungen eingeschränkt - Lum trägt einen Gürtel um die Knie, Purl ist im Rindenmulch eingegraben, der den Boden auf ihrer Seite der Bühne bedeckt, als sei er eine Pflanze.

Apparatur sendet die Nachricht ins All

Das krasse Gegenteil dazu bildet der linke Teil der Bühne, ein klinisch weißer Raum mit einer Apparatur, die es ermöglicht, die im Titel des Stücks genannten „Nachrichten an das All“ abzusetzen. Dort tummeln sich äußerst bewegliche Figuren, allen voran der sogenannte „Leiter des Fortgangs“ (Ogün Derendeli), ein hyperaktiver Talkshow-Moderator in hässlichen Anzügen, dessen wichtigste Aufgabe lautet: „Nur keine Leere aufkommen lassen!“

Zu diesem Zweck hat er Gäste geladen, darunter den Alleinerziehenden Klaus Alberts, eine dicke Frau, die von ihrem Auftritt bei „Britt“ erzählen muss, einen Forscher namens Rafinesque und den CDU-Politiker Ronald Pofalla, alle dargestellt von Stefan A. Piskorz, dazu Hilda (Marina Schmitz), die bei einem Autounfall ums Leben gekommene Tochter des Alleinerziehenden, und den Autor Kleist, den Timo Hastenpflug als zynischen Rebellen spielt.

Stück fragt nach der Freiheit des Handelns

Dass wir Zuschauer eines Theaterspiels sind, daran lässt die Inszenierung übrigens keinen Zweifel. Immer wieder wird darauf hingewiesen, etwa wenn Lum im Rindenmulch eine Seite des Manuskripts findet und seinen Text mit monotoner Stimme vom Blatt abliest, was Purl zu spontanen und witzigen Antworten veranlasst - die aber natürlich alle bereits im Text vorgegeben sind. Auf diese Weise fragt das Stück nach der Freiheit des Handelns in einer Welt, in der alles bereits vorgegeben scheint. Natürlich haben all diese Fragen nach dem Sinn und dem Sein ihre wissenschaftliche Heimat in der Disziplin der Philosophie. Die Universalsprache etwa, die der Forscher Rafinesque erfunden haben will, basiert auf der Sprachkritik Ludwig Wittgensteins und Søren Kierkegaards. Letzterer ist wie Rafinesque der Ansicht, die Welt in ihrer Komplexität lasse sich in der Alltagssprache nicht ausdrücken.

Dass der Abend zur trockenen Philosophie-Vorlesung wird, muss jedoch niemand befürchten. Dafür sorgen die gefühlvoll agierenden Toulouse und Walter, die Lum und Purl mit einer naiven Warmherzigkeit ausstatten, die zu Herzen geht. Und natürlich gibt es die schrillen Auftritte von Derendeli als Leiter des Fortgangs, der jeglichen philosophischen Tiefgang auf jeweils ein einziges Wort reduziert. Welche Wörter - oder Worte? - es schließlich ins Weltall schaffen, das wird an dieser Stelle nicht verraten.

  • Weitere Vorstellungen sind am Mittwoch, 24. April (19 Uhr Stück-Einführung, Studententag), 28. April (Blauer Tag), 10. und 21. Mai, jeweils um 19.30 Uhr.

von Vera Zimmermann

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