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Nicht nur Konzert, auch Gottesdienst

Kurhessische Kantorei Nicht nur Konzert, auch Gottesdienst

Die Frage sei erlaubt: War es Zufall oder Absicht, dass die Kurhessische Kantorei Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ am Abend des „Marburger Frühlings“ aufführte?

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Landeskirchendirektor Uwe Maibaum dirigierte die Kurhessische Kantorei Marburg und das Main-Barockorchester Frankfurt beim Passionskonzert in der Lutherischen Pfarrkirche.Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Es spricht einiges für Absicht. Denn (nicht nur) den Kirchen sind verkaufsoffene Sonntage ein Dorn im Auge, zumal wenn sich solche mitten in der österlichen Bußzeit ereignen. Dagegen mit der Macht der Musik ein Zeichen zu setzen - vielleicht war auch das ein Anliegen jenes außergewöhnlichen Passionskonzertes in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien.

Außergewöhnlich, weil es nicht nur Konzert, sondern auch Gottesdienst war - am Ende durfte, wer wollte, das Abendmahl mitfeiern. Außergewöhnlich aber auch deshalb, weil dies ein Gottesdienst im Geist der Ökumene war, in dem die aufwühlend-dramatische Oratorienvertonung des Protestanten Bach eingeleitet und sechsmal unterbrochen wurde durch anbetende Meditationsmusik des Katholiken Olivier Messiaen.

Lag es an dieser auf den ersten Blick irritierenden Kombination aus barocker Vokalmusik und zeitgenössischer Orgelmusik, dass in der Pfarrkirche, ungewöhnlich für eine Aufführung der Bach-Passionen, die meisten Plätze des Seitenschiffs unbesetzt blieben?

Die etwa 300 Zuhörer, die sich auf das Experiment eingelassen hatten, erlebten eine musikalische Offenbarung. Die von Bach vermittelte Glaubenszuversicht, dass es eine Heimkehr zum ewigen Leben geben werde, scheint auch auf in den mal wuchtig hereinbrechenden, mal ganz nach innen gerichteten Orgelstücken, die Messiaen gegen Ende seines Lebens in seinem 18-teiligen „Livre du Saint Sacrement“ (Buch vom Heiligen Sakrament) zusammengefasst hat.

Die von Torsten Laux kongenial musizierten Unterbrechungen des dramatischen Geschehens luden ein zur Reflexion - und unterstrichen gleichzeitig, welch ungeheuerliche Geschichte Bach in seiner „Johannespassion“ in Töne gesetzt hat. Sie besitzt erschreckende Aktualität. Denn der entfesselte Mob, der den Tod eines gänzlich Unschuldigen fordert und erreicht, ihn gibt es auch heute noch zuhauf.

So zupackend und vehement, wie die Kurhessische Kantorei unter Uwe Maibaums fordernder Leitung in den hochdramatisch-aufgeheizten Turba-Chören sang, erhielt das Geschehen fast szenische Qualitäten. Und der Zuhörer bedauerte erneut, dass Bach keine einzige Oper komponiert hat.

Der über erfreulich viele junge Stimmen verfügende Chor gestaltete anrührend-schlicht seine Rolle als mitleidender und gläubiger Betrachter in den Chorälen und im wundervollen Schlusschor „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“.

Mit dem Main-Barockorchester Frankfurt, das mit klangschönem und ausdrucksvoll sprechendem Spiel auf seinen historischen Instrumenten überzeugte, und der Verpflichtung der fünf Gesangssolisten bewies Maibaum eine außerordentlich glückliche Hand. Kurzfristig eingesprungen war Thomas Michael Allen, der weltweit als Opernsänger vom Barock über Mozart bis Rossini gefeiert wird und zu den gefragtesten Bach-Evangelisten zählt. Er trieb mit vorbildlicher Textgenauigkeit das dramatische Geschehen voran und meisterte mit seinem strahlend-höhensicheren Tenor mühelos alle, auch die virtuosen Facetten seiner Arien.

Simone Schwarks Sopran überzeugte mit Leuchtkraft und mädchenhafter Zartheit. Nicole Piepers schlanker Mezzosopran bewegte mit „Es ist vollbracht!“ und fesselte mit dem triumphierenden „Der Held aus Juda siegt mit Macht“. Jens Hamann gestaltete packend den Part des Pilatus, verströmte in seinen Arien baritonalen Balsam, den auch Christos Pelekanos für die Jesus-Worte einsetzte.

Wer nicht am Abendmahl teilnehmen wollte, verließ zum Klang der Glocken schweigend die Kirche und richtete den Blick zum Himmel. Dort leuchteten die Sterne über der nächtlichen Stadt - auch dies ein Zeichen österlicher Zuversicht.

von Michael Arndt

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