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New Orleans im Heiligtum der Uni

Barrelhouse Jazzband New Orleans im Heiligtum der Uni

Am Dienstag erlebten rund 300 Zuhörer in der Aula der Alten Universität im Grunde zwei Konzerte: eins mit der Barrelhouse Jazzband und eins mit vier Himmelstürmern aus den USA.

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Die Barrelhouse Jazzband mit Frank Selten (oberes Foto, vorne von links), Horst Schwarz, Reimer von Essen, Lindy Huppertsberg (hinten von links), Michael Ehret und Roman Klöcker hatte Gäste aus den USA mit in die Aula der ­Alten Universität gebracht. Unter anderem die großartige Sängerin Lilian Boutté (links).

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Bei den meisten Popbands ist nach 90 Minuten Schluss mit lustig. Bei der Barrelhouse Jazzband ging es am Dienstag im „Heiligtum“ der Philipps-Universität, so einer der Musiker, nach 90 Minuten gerade mal in die Pause. Erst nach drei intensiven Stunden (!) war das Konzert beendet, und es gab Standing Ovations für die sieben Musiker der Barrelhouse Jazzband und ihren vier Gästen aus den USA. Veranstaltet wurde die Barrelhouse Jazz-Gala vom Musikwissenschaftlichen Institut. Ursprünglich sollte es im Musiksaal des Ernst-von-Hülsen-Hauses stattfinden, der aber ist wegen eines Brandschutzgutachtens derzeit gesperrt.

Konzert "Barrelhouse-Jazzband", Alte Aula, Marburg. Foto: Florian Gaertner

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Jazz kann in ­Deutschland eine recht akademische Angelegenheit sein. Selbst dann, wenn so virtuose Könner auf der Bühne stehen wie „Barrelhouse“-Chef Reimer von Essen, Frank Selten und Horst „Morsch“ Schwarz, die seit mehr als 40 Jahren das „Gesicht“ der wohl populärsten deutschen Jazzband prägen, die sich dem traditionellen Jazz verschrieben hat. Die drei alten Herren stehen mit ihren Klarinetten, Saxofonen und Trompeten in der ersten Reihe, daneben der Pianist Christof Sänger, ein Könner wie die Kontrabassistin Lindy „Lady Bass“ Huppertsberg und die beiden Marburger: Der souveräne Schlagzeuger Michael Ehret und der großartige Gitarrist Roman Klöcker.

Sie spielen swingenden New-Orleans-Jazz, der sich um die Wende zum 20. Jahrhundert in dem Schmelztiegel des Südens der USA entwickelte: Elemente des Blues, des Spirituals verschmolzen mit kreolischen Einflüssen zu einer mitreißenden Musik, die in den Bars und Clubs der Vergnügungsviertel von New Orleans gespielt wurde und auf den großen Schaufelraddampfern des Mississippi auch den Norden der USA erreichte. Mit den Besatzungssoldaten kam dieser Jazz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland. Die Barrelhouse Jazzband sprang schon 1953 auf den Zug auf und fährt - vieler Besetzungswechsel zum Trotz - unverdrossen Richtung New Orleans.

Mitreißende Soli

Alle sieben aktuellen Musiker der Band sind unbestritten Könner, beherrschen ihre Instrumente souverän. Und doch geht es sogar noch einen Tick besser - unterhaltsamer, swingender, amerikanischer. Spätestens als Lilian Boutté das Mikrofon ergriff, wurde aus einem großartigen Konzert ein mitreißendes. Die 1946 in New Orleans geborenen Sängerin ist musikalische Botschafterin ihrer Heimatstadt. Und wer sie am Dienstag hörte, weiß warum: Die zierliche Sängerin, die 1986 übrigens in Alan Parkes Südstaaten-Thriller „Angel Heart“ mitspielte, hat eine unglaublich modulationsfähige Stimme, sie lebt die Songs, die sie singt - den Blues, Gospels und Swing - Musik eben, die auch Marching Bands in New Orleans spielen. Wer wolle, könne gerne tanzen, sagte sie dem Publikum, denn Jazz ist in ihrer Heimat keine akademische sondern Unterhaltungsmusik der besten Art.

Im zweiten Teil des Abends enterten drei Jazzer aus New Orleans die Bühne: der Ausnahme-Klarinettist Evan Christopher, der Star-Trompeter Duke Heitger und der junge Posaunen-Virtuose Michael Watson. Die drei Himmelsstürmer verstehen sich als Erneuerer des New Orleans Jazz und polierten Klassikers des alten Genres mit viel Energie und Spielfreude zeitgemäß auf.

Die drei spornten sich und die Rhythmussektion der Barrelhouse Jazzband zu mitreißenden Soli an. Und am Ende hielt es dann doch keinen mehr auf den Sitzen in dieser altehrwürdigen Halle, die Lilian Boutté eine Gänsehaut verursachte - so wie ihre Musik den Zuhörern.

In dieser Form muss man sich um den guten alten New-Orleans-Jazz keine Sorgen machen.

von Uwe Badouin

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