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Sein Vermächtnis wirkt weiter fort

Nachruf: Otfried Madelung Sein Vermächtnis wirkt weiter fort

Zehn Jahre lang, bis 2001, leitete Professor Otfried Madelung die Geschicke des Marburger Konzertvereins. Zum Abschied überreichte er seinem Nachfolger, Dr. Friedemann Nassauer, ein ­besonderes Geschenk.

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Professor Otfried Madelung aus Anlass seines 80. Geburtstages am 14. April 2002.

Quelle: Rainer Waldinger

Marburg. In zwei Bänden zu je 400 Seiten hatte Madelung ­alle Rezensionen festgehalten, die zwischen 1960 und 2001 in der Oberhessischen Presse erschienen sind. Außerdem enthalten die beiden Bücher Faksimiles der Gästebücher, in die sich bis heute die in Marburg auftretenden Musiker mit persönlichen Widmungen eintragen.

Sein Anliegen: „Damit kann bei der Konzertplanung der Vorstand nicht nur nachschlagen, wann welcher Künstler in Marburg war oder wann welches Stück zuletzt aufgeführt wurde. Er kann auch anhand der ­Rezensionen feststellen, welche Aufnahme das Konzert gefunden hat.“

Dieses nur in einer Handvoll Exemplaren gedruckte Gedächtnis ist Madelungs Vermächtnis. Und es wird, obwohl längst im Internet alles verfügbar ist, weiterhin genutzt – auch vom Musikberichterstatter der OP, dem Madelung in seiner letzten Jahreshauptversammlung ebenfalls ein Exemplar schenkte.

Kriegsdienst war „die verlorenste Zeit“ seines ­Lebens

Als Ehrenvorsitzender besuchte Madelung weiter die Konzerte seines Vereins, bis er sein Haus in Wehrda verkaufte und in eine­ Seniorenresidenz nach Kronberg im Taunus zog. Dort nahm er mit hellwachem Geist bis zuletzt an der hausinternen Konzertreihe teil, so sah und hörte er auch im vergangenen Jahr ein Gastspiel des Marionettentheaters Schartenhof mit Mozarts Oper „Figaros Hochzeit“.

Die Liebe zur Musik geweckt hatte bei Otfried Madelung sein Vater Erwin, der als Frankfurter Ordinarius für theoretische Physik seinem Sohn auch ein halbes Jahr lang Privatvorlesungen in seinem Fach gab. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Universitäten zunächst geschlossen.

Die sechs Jahre Kriegsdienst von 1939 bis 1945 bezeichnete­ Madelung in einem OP-Porträt zu seinem 80. Geburtstag als „die verlorenste Zeit“ seines ­Lebens. Möglicherweise resultierte daraus auch, dass er es fortan nicht leiden konnte, „wenn einer meine Zeit verschwendet“. Diese offen zugegebene Ungeduld führte bei ihm zu einem zielstrebigen, gut organisierten Arbeiten, „das ich in der Industrie gelernt habe“.

Denn dort, bei Siemens in ­Erlangen, begann Madelung 1950 seine berufliche Laufbahn, nachdem er beim Nobelpreisträger Werner Heisenberg in Heidelberg promoviert hatte.­ Neun Jahre später wurde Madelung Dozent an der Philipps-Universität Marburg, die ihn 1962 zum Professor für theoretische Physik berief; das Ordinariat hatte er bis zu seiner Emeritierung 1987 inne.

Sinfonische Musik nur live, nicht vom Band

Als Rektor leitete Madelung die Hochschule in der heißen Phase der 68er Studentenrevolte. Und er hat die Universität zusammengehalten, attestierte ihm Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler, als er Madelung 1992 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse überreichte. Ein Jahr zuvor hatten ihn die Mitglieder des Konzertvereins zum Vorsitzenden gewählt; mitgewirkt hatte er im Vorstand bereits – mit Unterbrechung – seit 1971, im künstlerischen Beirat und später als Beisitzer.

Ganz besonders liebte Madelung die Kammermusik, die er auch in seinem Wehrdaer Haus mit Freunden pflegte – als ­Pianist eines Klaviertrios. Sinfonische Musik hörte er ausschließlich im Konzertsaal, nie von der Tonkonserve, weil diese seiner Meinung nach nicht das ganze Spektrum eines Orchesters wiedergeben könne.

Wie die OP erst jetzt erfuhr, ist der Ehrenvorsitzende des Marburger Konzertvereins im Alter von 95 Jahren bereits am 3. August gestorben – am selben Tag wie der langjährige Geschäftsführer, Ehrenmitglied Manfred Eckhardt.

von Michael Arndt

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