Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Mutige „Edelweißpiraten“ in Nazi-Deutschland

Kinder- und Jugendtheaterwoche Mutige „Edelweißpiraten“ in Nazi-Deutschland

Es ist eine Geschichte über Jugendliche zur Zeit des Nationalsozialismus, und es stehen fünf ältere Männer auf der Bühne. Eine komische Idee, sie in die Rollen der jungen Widerstandskämpfer schlüpfen zu lassen? Nein!

Voriger Artikel
„Ein Fest für die Augen“
Nächster Artikel
Märchenspektakel für die ganze Familie

 Ältere Darsteller schlüpfen in die Rolle von jungen Widerstandskämpfern. Die Idee geht auf.

Quelle: Meyer Originals

Marburg. „Edelweißpiraten“ heißt das Stück nach dem gleichnamigen Buch von Dirk Reinhardt, das Regisseur Christopher Haninger in eine Stückfassung gebracht hat und das am Montagabend im Rahmen der Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche im Theater am Schwanhof zu sehen war.

Es erzählt von vier Jungen und einem Mädchen, die exemplarisch für „Edelweißpiraten“ genannte Gruppen deutscher Jugendlicher stehen, die sich im Nazi-Deutschland nicht gleichschalten ließen, die nicht in die Hitlerjugend wollten, sondern anziehen, was ihnen passt, die Musik hören, die ihnen gefällt, und ihr Leben frei gestalten. Das alleine reichte schon für massive Repressalien.

Einige von ihnen gingen noch weiter und entwickelten immer mehr politisches Bewusstsein, gingen in den Widerstand, verteilten Flugblätter, schrieben Parolen an die Wände – und bezahlten oft mit ihrem Leben.

Arbeiterkinder als Vorbilder

Es ist ein Spiel mit Nähe und Distanz, das die Darsteller des Kölner Comedia Theaters auf die Bühne bringen. Einerseits schlüpfen sie so tief in ihre Figuren, dass graue Haare oder Bauchansatz kaum mehr wahrgenommen werden, man ihnen die einfachen, gradlinigen Jungs locker abnimmt.

Dann wieder fallen sie aus der Rolle, schaffen den Blick von außen auf ein Spiel, das zunehmend grausam wird, gehen über das Exemplarische hinaus und machen ihre Figuren so zu Vertretern einer ganzen Gruppe, von der heutige Jugendliche viel zu wenig wissen – obwohl diese auch nach dem Kriegsende noch kriminalisierten Arbeiterkinder doch echte Vorbilder sein können.

Die Geschichte tut so weh wie das brachiale E-Gitarrenspiel, das viele Szenen begleitet, und die alterslosen, weil altersübergreifenden Figuren kriechen dem Zuschauer unter die Haut. Was es bedeutet hat, in einer Zeit jung zu sein, in der totale Unfreiheit und Unterdrückung herrschten, in der Anders­denkende jederzeit gequält oder getötet werden konnten, das wurde ganz deutlich.

Am Ende sind fast alle tot, nur einer hat überlebt, der noch erzählen kann von den Edelweißpiraten. Wer das Stück verpasst hat – unbedingt das Buch lesen!

von Heike Döhn

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr