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Verzicht auf äußerliche Effekte

Münchner Streichquartett und Martin Stadtfeld Verzicht auf äußerliche Effekte

Die vier Streicher und ihr Klavierpartner haben das Publikum des Marburger Konzertvereins reich 
beschenkt. So wollte 
am Sonntag im Erwin-
 Piscator-Haus der Beifall kein Ende nehmen.

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Anne Schoenholtz (von links), Stephan Hoever, Matthias Schessl und Jan Mischlich musizierten auf der Bühne der Marburger Stadthalle.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Wer ein Geschenk erhält, sollte sich artig bedanken. Dies taten die 550 Zuhörer am Ende eines überwältigend musizierten Abends. Ihnen wurde mehr als 90 Minuten lang höchste Aufmerksamkeit abverlangt. Denn das Münchner Streichquartett hatte ein Programm mit zwei Kammermusik-Gipfelwerken zusammengestellt, die jedes für sich als Hauptwerk nach der Pause hätten erklingen können.

Um einen naheliegenden Vergleich aus der Sinfonik zu bemühen: Es war, als ob ein Orchester vor der Pause Ludwig van Beethovens „Eroica“ spielt und danach dann eines der beiden kolossalen Klavierkonzerte von Johannes Brahms. Und zum Einstieg noch die „Unvollendete“ von Franz Schubert. So etwas wird der Konzertgänger heutzutage kaum erleben.

Aber das Münchner Streichquartett riskierte eine solche interpretatorisch herausfordernde Zusammenstellung. Und das Ergebnis gab den vier Musikern aus dem Bayerischen Rundfunk-Sinfonieorchester recht. Bewundernswert war, mit welcher Gelassenheit sie bei höchster Konzentration von Anfang bis Ende musizierten.

Kultivierte und intensive Interpretation

Gleich in Schuberts meisterhaftem c-Moll-Satz, möglicherweise der Beginn eines nicht zu Ende komponierten viersätzigen Quartetts, fesselte die spannungsvolle Darstellung extremer Gegensätze zwischen rastlos-düsterer Unruhe und der herrlichen, an den Meister des Kunstliedes gemahnenden 
As-Dur-Violinmelodie, die Anne Schoenholtz mit betörendem Ton aufblühen ließ.

Danach widmeten sich die vier Musiker Beethovens F-Dur-Quartett op. 59 Nr. 1, in dem der Komponist erstmals die in der Kammermusik der Wiener Klassik übliche Werkdauer von 20 bis 30 Minuten nahezu verdoppelt hat. Im monumentalen Kopfsatz entfaltet sich eine bis dahin in Beethovens Schaffen noch nie gehörte Fülle ausgedehnter melodischer Themen, die nicht nur Schoenholtz, sondern auch Stephan Hoever an der Zweiten Violine, Matthias Schessl an der Viola und Jan Mischlich am Violoncello in reichem Maße Gelegenheit gaben, sich so kultiviert wie intensiv auszusingen.

Stadtfeld gastierte zum fünften Mal in Marburg

Im folgenden, voller Überraschungen steckenden B-Dur-Scherzo, dem vielleicht originellsten Satz des F-Dur-Quartetts, zeigten die vier Musiker Sinn für Humor, musizierten 
quasi eine Szene aus einer 
Buffo-Oper, um sich danach im starken Kontrast dazu voller Hingabe dem klagenden Adagio zu widmen. Für diese Trauermusik hat Beethoven sich mit f-Moll jener Tonart bedient, in die Johann Sebastian Bach Schmerz und Passion gekleidet hat. Nach dem vom Münchner Streichquartett effektvoll zugespitzten 
Finale, das thematisch auf 
einem russischen Volkslied beruht, wollte schon vor der Pause der Beifall kein Ende nehmen.

Mit Martin Stadtfeld bei seinem fünften Konzertverein-Gastspiel seit 2007 hatte das Münchner Streichquartett für das f-Moll-Klavierquintett op. 34 von Brahms einen Pianisten gewonnen, der sich ebenfalls einem klassisch ausgewogenen, auf alle äußerlichen Effekte verzichtenden Musizierideal verpflichtet sah. Sein fein abgestimmter Klavierton verschmolz untrennbar mit dem hoch differenzierten Streicherklang. Selbst in Fortissimo-Ausbrüchen wie am Ende der Kopfsatz-Durchführung ließ sich Stadtfeld nie dazu hinreißen, das Streichquartett in Grund und Boden zu spielen.

Dass die fünf Musiker auch dramatisch-virtuos zupacken können, bewiesen sie im Scherzo mit seiner hämmernden, auf Richard Wagners „Rheingold“-Nibelungen vorausweisenden Motivik. Nach der elektrisierend zugespitzten wilden Final-Stretta wollte das hellauf begeisterte Publikum die fünf Musiker nicht gehen lassen.

von Michael Arndt

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