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Mühsame Suche nach dem roten Faden

"Elektra. Ein Überschreibung" am Hessischen Landestheater Mühsame Suche nach dem roten Faden

Mit dem Stück „Elektra. Eine Überschreibung“ hat Regisseur Christian Fries versucht, das griechische Drama von Euripides in die Gegenwart zu holen. Das Resultat ist nicht sehr überzeugend.

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Die antike Tragödie Elektra im Hier und Jetzt: Das Foto zeigt eine Familienszene mit Oda Zuschneid (von links), Moritz Pliquet, Leonie Rainer und Stefan A. Piskorz.Foto: Arne Landwehr

Marburg. Die antike Tragödie „Elektra“ erzählt eine schreckliche Geschichte: Klytämnestra tötet ihren Ehemann Agamemnon. Sie begeht den Mord nicht nur aus Liebe zu ihrem Geliebten Aigisth, sondern auch, um ihn auf den Thron zu setzen und so an die Macht zu gelangen. Die Tochter Elektra sinnt auf Rache und stiftet ihren Bruder an, die Mutter zu ermorden.

Was sagt uns diese Geschichte heute? Auch heute gibt es viele Familien, in denen sich die Mutter einen neuen Partner sucht.Hierzu könnte man also einiges erzählen: Vom Hass der Kinder auf die Mutter, von Gefühlen der Verunsicherung bis hin zu Problemen mit dem Stiefvater. Alles ist auch denkbar unter umgekehrten Vorzeichen, wenn der Vater eine neue Frau in die Familie holt.

Von alle dem greift Regisseur Christian Fries in seinem Stück nur wenig auf. Und vor allem: Er reißt einige dieser Themen zwar an, bündelt sie aber nicht und führt sie nicht so aus, dass sie unter die Haut gehen. Kurz gesagt: Das Stück packt einen nicht, obwohl es ein dramatisches Thema behandelt. Das liegt wohl daran, dass der Regisseur zusammen mit seinem Team eine Fülle von zusammengewürfelten Szenen geschaffen hat, in denen man einen roten Faden erst mühsam suchen muss. Vieles, was da auf der Bühne geschieht, bleibt ziemlich unverständlich.

„Elektra. Eine Überschreibung“ beginnt eigentlich ganz vielversprechend. Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen in einer Reihe wie in einer Podiumsdiskussion und sprechen über das Stück und ihre Rollen. Das wirkt sehr gelungen, verspielt, locker, zum Teil witzig und unterhaltsam. Gelungen auch deshalb, weil die Darsteller mit Engagement und souverän spielen, wie übrigens den ganzen Abend hindurch.

Dann aber folgen zahlreiche recht beliebige Szenen: Eine Familie sitzt an einem Tisch, die Mutter schneidet Brot, alle essen und lächeln sich freundlich an. Dann sagt einer, ganz nebenbei, dass er den Vater rächen will. Oder: Die britische Künstlerin Tracey Emin erzählt in einem Interview, das eingespielt wird, von ihrem Leben zwischen Alkohol und Magersucht und dass sie keine Kinder haben will. Oder: Eine Familie sitzt in einem Zimmer, verschiedene Personen kommen und gehen, gestikulieren, turnen herum. Eine Frau springt auf den Tisch, der Gummibaum fällt um, keiner spricht ein Wort.

Vor allem gegen Ende hat das Stück auch deutliche Längen. Da hockt ein geduldiger Therapeut und spricht mit Mutter und Tochter über deren Beziehung. Die Tochter fühlt sich von der Mutter nicht geliebt, ist verunsichert und entwickelt Hass auf sich selbst. Ein ähnliches Gespräch wird mit einem anderen Therapeuten und Sohn und Stiefvater durchexerziert. Diesmal geht es um Grabenkämpfe in der Familie.

Die Zuschauer scheinen sich jetzt zu langweilen, einzelne gehen bereits hinaus. Als der Therapeut auf der Bühne den Patienten vorschlägt, die Sitzung nächste Woche fortzusetzen, wird vereinzelt applaudiert. Bei der dritten Therapeuten-Szene mit zwei Schwestern verlassen weitere Zuschauer den Saal.

Der Applaus am Schluss des zweistündigen Theaterabends war zunächst etwas dünn, dann aber freundlich. Das galt wohl in erster Linie den Darstellern Annette Müller, Leonie Rainer, Oda Zuschneid, Stefan A. Piskorz und Moritz Pliquet.

Regisseur Fries hat das Stück als Projekt angelegt, das er gemeinsam mit den Schauspielern, Ausstatter Daniel Angermayr und Dramaturgin Eva Bormann entwickelt hat. „Die Idee ist, nicht Umsetzer eines Theatertextes zu sein, sondern für eine gewisse Zeit miteinander assoziierte selbstständige Künstler“, heißt es im Programmheft. Man habe beschlossen, keinen Text auswendig zu lernen. Stattdessen solle die Zeit genutzt werden, über den Stoff und das Stück nachzudenken.

Weitere Vorstellungen gibt es heute, am 19. und 25. September sowie am 12.und 14. Oktober jeweils um 19.30 Uhr in der Black Box des Hessischen Landestheaters.

von Bettina Preussner

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