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Monty Python trifft auf Molière

Hessisches Landestheater Monty Python trifft auf Molière

Regisseur Marc Becker stellt am Hessischen ­Landestheater Molières Barock-Komödie „Der Geizige“ auf den Kopf. Für die schrille, temporeiche Interpretation gab es bei der Premiere am Samstag stürmischen Applaus.

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Am Hessischen ­Landestheater wird Molières Barock-Komödie „Der Geizige“ auf den Kopf gestellt.

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Der Geizhals Harpagon thront hoch oben über den Dächern von Marburg. Er wohnt im Spiegelslustturm und blickt durch Fenster hinab auf Marburg. An der Wand hängt die Rose der Heiligen Elisabeth, bekannt für ihre Mildtätigkeit. Mildtätigkeit jedoch ist ein Fremdwort für Harpagon. Er scheffelt Geld, denn um Geld dreht sich doch alles, oder?

Dieses Motiv der Geldgier aus Molières „Der Geizige“ hat Regisseur Marc Becker übernommen. Doch vieles ist anders: Harpagon ist bei ­Molière ein alter, mal erbarmungswürdiger, mal niederträchtiger Geizkragen, der sein Vermögen mit Zähnen und Klauen nicht zuletzt gegen seine Kinder Cléante und Élise verteidigt.

Regisseur Marc Becker stellt am Hessischen ­Landestheater Molières Barock-Komödie „Der Geizige“ auf den Kopf.

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326 Jahre nach der Uraufführung im Paris des Sonnenkönigs Ludwig XIV. sieht die Welt und ganz besonders die Bevölkerungspyramide anders aus: Marc Becker schickt in seiner grellen Version den jungen Tobias M. Walter als Harpagon im Trainingsanzug und mit Bad-Company-Boxhandschuhen auf die Bühne, um seine Zukunft rabiat gegen die Alten zu verteidigen. Walter spielt einfach mitreißend einen von Gier und Zukunftsangst gleichermaßen geplagten Mann, der seine Wut an  Punchingbällen, seinem Diener oder seinen Kindern auslässt.

Doch was heißt hier Kinder? Die gestandenen Bühnenrecken Jürgen Helmut Keuchel und Christine Reinhardt spielen Harpagons alte „Verschwendungskinder“, die noch „die fetten Renten“ kriegen und gleichzeitig an sein sauer Erspartes wollen.

Seitenhiebe auf die Gegenwart und auf Marburg

Hat man sich als Zuschauer erst einmal mit dieser merkwürdigen Konstruktion angefreundet – ein junger, überaus sparsamer Vater, zwei alte, genusssüchtige  Kinder –, macht Beckers Interpretation von Minute zu Minute mehr Spaß. Der Regisseur hat sich mit anarchischem Witz, der an die englische Spaß-Truppe Monty Python erinnert, auf dieses alte Barock-Stück gestürzt.

Er hat Molières Geizigen komplett umgestülpt und gemeinsam mit dem Dramaturgen Simon Meienreis jede Menge Seitenhiebe auf die Gegenwart und auf Marburg eingestreut: die unsichere Rente der heute 30- bis 40-Jährigen, die reichen Alten, die die Zukunft der Jugend aufbrauchen, das Geld, das Harpagon nicht „irgendeinem Berufsbetrüger“ in irgendeiner Bank in den Rachen schmeißen will und daher lieber im Garten verbuddelt, wo es im übrigen auch nicht sicher ist. Und auch die Neonazis tauchen in der Maske des Kleinbürgers Jacques (Roman Pertl) auf, der eine Hitler-Persiflage geben darf.

Es ist fast zu viel, was in den gut 100 rasanten Minuten auf das Publikum einprasselt.  Und nicht alle Ideen gehen auf, bisweilen gibt es Brüche in  dem Generationenkonflikt Jung gegen Alt, weil er so in Molières Fassung eben nicht vorgesehen ist. Doch dies wird mit viel Spaß und Tempo überspielt von dem achtköpfigen Ensemble.

"Echte Knallchargen"

Alle Figuren sind wunderbar überzeichnet. Echte Knallchargen laufen da über die Bühne: Insa Jebens gibt die Kupplerin Frosine mit Proll-Attitüde, so als wäre sie geradewegs aus dem Trash-Fernsehen auf die Bühne gefallen.

Victoria Schmidt zeigt die hübsche Marianne, auf die sowohl der junge alte Harpagon als auch der alte junge ­Cléante ein Auge geworfen haben, als naives Dummchen, das lieber den großzügigen Alten schröpft als den geizigen Jungen.
Alexander Peiler hat als Diener La Flèche eine wunderbare Szene, in der er minutenlang auf Holländisch nörgelt. Daniel Sempf gibt einen Valère, der sich Harpagon kriecherisch unterwirft, um seine Zukunft mit ­Élise nicht zu gefährden.
Für das stimmige Bühnenbild und die einfallsreich zusammengewürfelten Kostüme zeichnen Harm Maijer und Alin Pilan verantwortlich.

Marc Becker hat die alte Komödie ordentlich gegen den Strich gebürstet. Wer sich darauf einlässt, wird sich köstlich amüsieren – so wie das Premierenpublikum, das Ensemble und Regieteam mit stürmischem Applaus feierte. Dieser „Geizige“ hat das Potenzial zum Publikumshit.

von Uwe Badouin

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