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Mitternachtssonnige Gemüter tanzen Tango

Mitternachtssonnige Gemüter tanzen Tango

Die Konzertreihe 55Grad Nord im Kulturzentrum KFZ hat schon viele skandinavische Musik-Perlen nach Marburg gespült. Zu den Höhepunkten darf man seit Dienstag die Gruppe Útidúr aus Island zählen, zu deren Auftritt es 50 Besucher zog. Das ist für eine bei uns unbekannte Band gar nicht schlecht. Gemessen an der Qualität der perfekt eingespielten achtköpfigen Besetzung war es jedoch eindeutig zu wenig.

Marburg. Die Konzertreihe 55Grad Nord im Kulturzentrum KFZ hat schon viele skandinavische Musik-Perlen nach Marburg gespült. Zu den Höhepunkten darf man seit Dienstag die Gruppe Útidúr aus Island zählen, zu deren Auftritt es 50 Besucher zog. Das ist für eine bei uns unbekannte Band gar nicht schlecht. Gemessen an der Qualität der perfekt eingespielten achtköpfigen Besetzung war es jedoch eindeutig zu wenig.

Nun ist es unbefriedigend, wenn man Lesern sagen muss: Du warst nicht da? Dann hast was Tolles verpasst. Denn was nützt im Nachhinein die schönste Beschreibung, wenn die Gelegenheit verstrichen ist, die Musik mit den eigenen Sinnen zu erleben? Útidúr ist es wert, es trotzdem zu tun.

Es liegt nah, sich bei der Beschreibung gängiger Bilder über Island zu bedienen: die Melancholie des Nordens, die in den klaren Stimmen von Gunnar Örn Egilsson und Sólveig Anna Aradóttir mitschwingt. Oder der Gegensatz aus Eis und heißen Quellen, die sich auf der Vulkaninsel begegnen. Falsch wäre, die Band nur in die „isländische“ Schublade zu pressen. Es steckt viel mehr drin - Balkanklänge, Tango, Walzer oder Calypso verschmelzen mit nordischen Balladen, vor allem die neueren Lieder greifen zunehmend auf Elektropop-Sound zurück. Die Band selbst bezeichnet ihre Musik ganz treffend als „Kammer-Pop mit orchestralem Einschlag“, sich selbst als „mitternachtssonnige Gemüter“. Bisweilen klingt die Mischung wie ein Filmsoundtrack, im nächsten Moment lässt der Einsatz von Trompete, Akkordeon und Geige die Grenzen zwischen Pop, Klassik und traditionellem Folk verschwimmen. Das alles klingt so ungezwungen, dass man der Band zu einer Bewerbung beim Eurovision Song Contest raten möchte. Sie würde die Vorlieben des osteuropäischen Publikums spielend mit den nord- und westeuropäischen Vorstellungen eines guten Liedes versöhnen.

Wären Útidúr mit ihrem wohl eingängigsten Stück „Fisherman‘s friend“ angetreten, sie hätten den Sieg kaum vermeiden können. Wie perfekt die jungen Isländer aufeinander eingespielt sind, bewiesen sie eindrucksvoll auf der kleinen Marburger Bühne - auch wenn es eine Weile dauerte, bis die Tontechnik alle Instrumente richtig aufeinander abgestimmt hatte. Fast ehrfürchtig kostete das Publikum die Stücke, die stets wie eine sanfte Welle ausplätscherten, bis zum allerletzten Ton aus - denn man konnte nie sicher sein, ob die Band noch einmal zu einer überraschenden Wendung ansetzen würde.

Wer Útidúr verpasst hat, sollte auf der Homepage der Band (www.utidur.com) nachprüfen, ob der Autor übertreibt. Dort kann man die Titel komplett anhören - und bei Bedarf kaufen.

Von Michael Agricola

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