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Mitfühlende Insel-Melancholie

OP-Buchtipp: Gabriela Jaskulla: „Septembermeer“ Mitfühlende Insel-Melancholie

Liebesgeschichte, Krimi-Elemente und Gesellschaftskritik mixt Gabriela Jaskulla in ihrem neuen Roman auf unterhaltsame und anrührende Weise.

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Quelle: Insel Verlag

Der September läutet die Zeit der Nachsaison auf der sonst von Touristen überlaufenen Ostseeinsel ein. Zeit für die ganzjährigen Inselbewohner, kürzer zu treten, innere Einkehr zu halten und Überflüssiges über Bord zu schmeißen.

Der September ist auch die Zeit des Wechsels von der Sommerheiterkeit zu den Novemberstürmen. Jetzt beginnt die Zeit der Sanddorn-Ernte und des Reparierens der Ferienhäuser oder Boote. „Septembermeer“ ist der Titel von Gabriela Jaskullas neuem Roman, einer Art Fortsetzung ihres Roman-Erstlings „Ostseeliebe“ aus dem Jahr 2003.

Wie in „Ostseeliebe“ nimmt Gabriele Jaskulla, ehemalige Marburger Studentin und frühere Mitarbeiterin der OP-Kulturredaktion, wieder eine fiktive kleine Ostseeinsel auf dem Gebiet der früheren DDR in den Fokus.

Liebevoll charakterisierte Sonderlinge

Entstanden ist vor allem eine schriftstellerische Liebeserklärung an diese Gegend: Denn der wahre „Held“ des Buches ist die Insel mit ihren Dünen, der rauhen Küstenlandschaft und den sich wild auftürmenden Meereswogen. Die Handlung beginnt sich zum Saisonstart im Frühjahr zu entwickeln, ehe der zweite Teil des Buchs dann wirklich dem Romantitel entspricht.

Das Inselleben bringt mit sich, dass man sich kennt. Es ist eine bunte Mischung von liebevoll charakterisierten Außenseitern, Sonderlingen, aber mindestens „besonderen Menschen“, deren Miteinander die Autorin auf liebevolle Weise und mit einer mitfühlenden Melancholie charakterisiert und unter die Lupe nimmt.

Da sind die Einheimischen wie die kuriose Runde der mittlerweile nahezu arbeitslos gewordenen ehemaliger Fischer, die sich regelmäßig in einem ausrangierten und zur inoffiziellen Kneipe umfunktionierten Bauwagen trifft und hier über Gott, die Fische und die See und die Welt philosophiert.

Ebenso eigenbrötlerisch wie liebevoll ist auch die Künstlerin und Fotografin Elsbeth, die in ihrem hohen Alter ganz tough auf ihrem Elektroroller über die Dorfwege auf der Insel saust. Den Inselkosmos vervollständigen Figuren wie Lebensmittelhändlerin Sine, die alles und jeden kennt.

Zu den Insulanern zählt auch Tierarzt Hanno, der sich mit der Enge des Insellebens ebenso arrangiert hat wie seine aus dem Westen zugereiste Ehefrau Julia, die als studierte Germanistin auf die Insel zog, um die Erinnerung an einen längst halb vergessenen Inseldichter aufrechtzuerhalten.

Klüngel macht es Neuankömmlingen schwer

Mittlerweile ist aber auch ihre Studienfreundin ­Jeannette auf die Insel gekommen, die schon seit Jahren das Dichterhaus professionell betreut und sich mit dem Insulaner Madsen einen wortkargen, aber wertvollen Helfer herangezogen hat.

Gleichzeitig ist die vor Lebensfreude sprühende Jeanette die Vertraute der beiden halbwüchsigen Kinder ihrer Freundin Julia, die vom großen Ausbruch träumen und sich eine Karriere als Tänzer oder Modedesigner vorstellen könnten Leben in das Inseltreiben bringen zwei Neuankömmlinge: der stille David und seine Frau, die temperamentvolle Svea, machen ihre eigene Buchhandlung auf und haben es zunächst schwer, im festgefügten Klüngel der Einheimischen Fuß zu fassen.

Erst gemächlich, dann immer schneller dreht sich das dramaturgische Karussell: Kleine Alltagsdramen wachsen sich zu handfesten Existenzkrisen aus. Neben Liebesgeschichten mit Tiefgang mischt Gabriela Jaskulla auch Krimielemente und „Coming of Age“-Romanpassagen, einen Schuss Ostalgie und eine Portion Tourismus-Kritik in ihren „Meerescocktail“ hinein.

So ist „Septembermeer“ ein Buch zum Lesen und Meditieren in den Ferien im Strandkorb am Meeresstrand. Dabei kann man inspiriert durch Jaskullas Buch über die gewundenen Linien der Lebenswege nachdenken, die das Schicksal miteinander verwebt.

  • Gabriela Jaskulla: Septembermeer, Insel Verlag, 459 Seiten, 14,99 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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