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Mit lebendigen Bildern endet der Theatersommer

Daumenkino Mit lebendigen Bildern endet der Theatersommer

Mit seinem Bühnenprogramm „Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“ präsentierte Volker Gerling den 75 Zuschauern in seinem Daumenkino-Kino manch magischen menschlichen Moment.

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Mit seinen Daumenkinos erzählte Volker Gerling in der Black Box bewegende und bewegte Geschichten.Foto: Benjamin Kaiser

Marburg. Seine Daumenkinos entstehen auf Fußmärschen von mehreren hundert Kilometern, die Gerling fast jeden Sommer durch den deutschsprachigen Raum unternimmt. Dabei pflegt der Daumenkinograph einen sehr asketischen Lebensstil: Allein mit Rucksack und Zelt bricht er ins Unbekannte auf, um Menschen und sich selber kennen zu lernen. „Wenn man viel alleine ist, lernt man viel über sich selber. Neben den wundervollen Begegnungen mit verschiedensten Menschen ist es vor allem die Einsamkeit, die ich genieße“, sagt der verheiratete Familienvater.

Macht Gerling auf seinen Reisen eine besonders bemerkenswerte Begegnung, dann entstehen daraus manchmal eben diese Daumenkinos. Die Menschen wissen jedoch nicht, dass der Wahlberliner nicht nur ein, sondern viele Fotos macht. Durch diesen Überraschungseffekt stellt sich in den Daumenkinos eine besondere Authentizität und Wahrhaftigkeit ein: Die Porträtierten geben ihre Pose auf und reagieren unmittelbar ihrem Charakter entsprechend mit emotionaler Gestik und Mimik.Einige Daumenkinos strahlen allein durch das Motiv eine eigenartige Faszination aus, andere entfalten diese Kraft erst, wenn Gerling ihre Entstehungsgeschichte erzählt. Wie die von Mohammad Sani, der einen Terroranschlag im Irak überlebte, jedoch einen schweren Schock erlitt und daraufhin stetig an Gewicht verlor. In dem viel zu großen Jackett kann der Betrachter Sanis dünne Arme erahnen. „Gerne hätte ich ihm sein Daumenkino überbracht. Aber er starb wenige Monate nach unserer Begegnung“, erzählt Gerling, hält inne und blickt einige Sekunden auf das Daumenkino in seinen Händen. Es ist ein ganz besonderer Schatz. Gerling präsentierte seinem Publikum nicht nur Bilder und Geschichten, die unter die Haut gingen. Neben melancholisch und nachdenklich stimmenden Daumenkinos gab es durchaus auch einiges zum Schmunzeln. Jedes seiner Daumenkinos lässt eingefrorene Momente wieder lebendig werden und ist eine Art Kurzfilm über die menschliche Natur. Egal, welches Daumenkino der Künstler auflegt, seine Bilder wissen den Betrachter zu fesseln - wie im Kino.

von Benjamin Kaiser

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