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Mit heiligem Zorn gegen die Habgier

Georg Schramm in der Stadthalle Mit heiligem Zorn gegen die Habgier

Seit Monaten war die Show von Georg Schramm beim Marburger Kabarettherbst in der Stadthalle ausverkauft. Seine vielen Fans wussten was kommt: Intelligentes Polit-Kabarett auf sprachlich höchstem Niveau.

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Als Alt-Sozi August greift Georg Schramm zum Luftgewehr. In der ausverkauften Stadthalle begeisterte er mit seinem aktuellen Programm „Meister Yodas Ende“.Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Die Bühne ist schlicht und dunkel gehalten. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Kleiderständer mit wenigen Requisiten. Georg Schramm braucht nicht viel, um sein Publikum im ausverkauften Saal zu fesseln. Hunderte Karten mehr hätte das KFZ verkaufen können, so groß war die Nachfrage. Dabei blieb der obere Rang leer. Der Meister wollte es so.

Georg Schramm ist seit Jahren einer der schärfsten Vertreter des klassischen politischen Kabaretts in Deutschland. Seine Waffe gegen Unterdrückung, gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die Habgier der „Geldverleiher“ ist das Wort. Was er nicht mag, sind Unschärfen, Ungenauigkeiten. Was er auch nicht mag, ist ein Publikum, das nach „jedem halbwegs gelungen Satz“ in die Hände „patscht“, ihn aus dem Rhythmus bringt und selbst beim Klatschen die eigentliche Pointe verpasst.

Schramm leuchtet die Gesellschaft aus, und er nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wir haben Krieg“, sagt er. Es sei ein Krieg Reich gegen Arm, ein Klassenkampf, den die Herrschenden begonnen hätten und den sie gewinnen wollten und gewinnen würden. Der 63-Jährige sagt das nicht nur so dahin, weil er weiß, dass solche Sätze bei den Linken im Publikum gut ankommen. Er zitiert einen der reichsten Männer der Welt, den milliardenschweren Investor Warren Buffett. Der hat das gesagt.

Und Leute wie Buffett oder der frühere Deutschen-Bank-Chef Ackermann und all die anderen „Geldverleiher“ sind seine liebsten Feinde. Nicht Kanzlerin Merkel, schon gar nicht Außenminister Westerwelle, die sind für ihn kleine Lichter in den Händen der wirklich Mächtigen. „Ist die Bundesregierung böse?“ fragt er. „Nein, da tun wir dem Bösen unrecht.“ Für ihn sind sie Furunkel am Gesäß des Bösen - mehr nicht..

Polemisch kann er sein, und so zynisch, dass dem Publikum das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Etwa wenn der Bundeswehr-Offizier Oberstleutnant Senftleben, der Experte für Blutvergießen, den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Fremd- und Eigenblut, zwischen toten Afghanen und toten deutschen Soldaten erklärt.

Senftleben ist eine von vier Kunstfiguren des Arbeitersohns und studierten Psychologen. Da gibt es noch den ewig jammernden hessischen Alt-Sozi August: „so geht’s zu und es wird nicht besser.“ Wie Schramm möchte man dem Sozi zurufen: Nun reiß dich mal zusammen, du Waschlappen. Dann gibt es einen kalauernden Rheinländer und vor allem seine stärkste Figur: Rentner Lothar Dombrowski, einen widerspenstigen Weltkriegsveteran, der gegen Gott und die Welt, vor allem aber gegen die Banken vom Leder zieht. Diesen Rentner und Schramm sowieso packt der heilige Zorn angesichts der Habgier der Reichen, „dieser Geißel der Menschheit“.

Seine atemlosen Tiraden in geschliffenem Deutsch sind ­grandios. Selbst das Futur II hat bei ihm seinen Platz, schließlich müsse man ja auch den ­Studienrat und das ­Bildungsbürgertum mitnehmen auf die Straße.

Souverän wechselt Schramm in seiner fast dreistündigen Show die Rollen. Sein Programm fordert den Zuhörer, es ist eben keine Comedy mit Schenkelklopfern. Und er entlässt auch das Publikum nicht aus der Verantwortung für diese Welt und diese Gesellschaft. So gibt es bei Schramm eben nicht nur strahlende Gesichter sondern am Ende vor allem nachdenkliche.

von Uwe Badouin

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