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Mit „Muttimund“ zum Neurologen

Kabarettherbst im KFZ Mit „Muttimund“ zum Neurologen

Zu einer Ouvertüre von Wagner betritt er die 
Bühne: Mathias Tretter, gekommen, um alle zu „Tretterianern“ zu bekehren. Eine neue Religion 
 inklusive. So geht modernes Kabarett.

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Mathias Tretter hat es bald geschafft: In vier, fünf Jahren ist er den Status als Nachwuchskabarettist los.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Gewaltig, oder?“, kommentiert der Zeremonienmeister seinen Start ins Programm. Die Ouvertüre kommt nicht von ungefähr. So wie der Komponist des „Fliegenden Holländers“ seine „Wagnerianer“ hat, so hätte auch Mathias Tretter gern ihm ergebene Anhänger.

Wer ihn nicht kennt, der befürchtet in den ersten Minuten: Ein bisschen arg dick aufgetragen. Kommt da noch was? Es kommt. Bevor man mitkriegt, dass Tretter den Fuß auf dem Gaspedal hatte, merkt man irgendwann, mit welchem Karacho er unterwegs ist.

Wenn Geschwätz in der Maßeinheit „Lanz“ gemessen wird (1 Lanz ist die letale Dosis), bewegt sich Tretter souverän auf der Minus-Skala. Seit elf Jahren macht er diesen Job. Und mit 43 habe er jetzt nur noch vier, fünf Jahre als Nachwuchskabarettist. Gott und die Welt hat er in die zwei Stunden seines Programms „Selfie“ gepackt: Politik und Religion, Granatapfelkerne und Flüchtlinge, ADHS und die neuen Medien – alles, was einen Kabarettisten heute so bewegt.

Klaus Kinski fast lebensecht

Natürlich geht es aber auch um ihn selbst und sein Leben als Franke in Leipzig, als Vater zweier kleiner Kinder und als Mann einer Sorbin. Sorbin, nicht Serbin! Wie wichtig „o statt e“ ist, wisse jeder, der Koks konsumiere. In seiner Brust schlagen dabei gewissermaßen noch zwei weitere Seelen. Und ja, Goethe kommt auch vor. Faust in einer 90-Sekunden-Version. In mehrfacher Hinsicht. Einerseits gibt es da seine beiden Freunde Rico und Ansgar. Der eine aus Sachsen, der andere aus der fränkischen Heimat. Beide bringt Tretter als Bühnenfiguren mit. Im entsprechenden Dialekt. Absolut überzeugend.

Seit zehn Jahren parodiert er jetzt schon Angela Merkel. Statt dafür eine eigene TV-Sendung zu kriegen, muss er wegen der hängenden Mundwinkel, genannt „Muttimund“, zum Neurologen. Und dann wäre da noch Klaus Kinski, den er inzwischen bis zur Zugabe im Zaum halten kann, bevor es mit ihm durchgeht. Derart überzeugend, dass man Angst kriegt, er würde einem auf dem Heimweg auf die Schulter tippen: „Na, Flittchen?“

Wer für das Stichwort „gute Laune“ einen Superlativ sucht, der muss Tretters Auftritt als Ansgar gesehen haben, wenn der seine Antrittspredigt als Schöpfer einer neuen Patchwork-Religion abliefert. Mit tibetanischem Akzent. „Shiit happens.“

Und wenn man alle Religionen konsequent verbindet, gibt es eben 72 Paradiese und eine Wiedergeburt als Jungfrau im Nix. „Im Namen des Vaters, des Moses und des fliegenden Holländers – ohmmmm.“ Wen wundert es da, dass Mathias Tretter träumt, dass auf dem göttlichen Thron ein Balsamico-Sprüher sitzt.

von Nadja Schwarzwäller

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