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Mit Kraft, Präzision und Leidenschaft

Kantorei der Elisabethkirche Mit Kraft, Präzision und Leidenschaft

Am Samstag, dem 330. Geburtstag Bachs nach dem damals in Eisenach gültigen julianischen Kalender, begeisterte die Kantorei der Elisabethkirche mit dessen „Johannespassion“ 100 Besucher in der Stadtkirche. Einen Tag später sang sie in Marburg.

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Bezirkskantor Nils Kuppe (rechts) leitete engagiert die Kantorei der Elisabethkirche sowie Orchester Solamente Naturali in Stadtallendorf (Foto) und in der Elisabethkirche.Foto: Helmut Rottmann

Stadtallendorf. Die Kirche in Stadtallendorf war noch recht überschaubar gefüllt, das „Heimspiel“ am Sonntag in der Elisabethkirche mit rund 500 Besuchern dagegen ausverkauft. In Stadtallendorf war der Chor mit rund 90 Sängerinnen und Sängern angetreten, in Marburg kam noch der 40-köpfige Kinderchor hinzu. Chorleiter Nils Kuppe wollte den Kindern die Strapazen von zwei großen Aufführungen nicht zumuten.

Die Zuhörer erlebten durch die Kantorei der Marburger Elisabethkirche, den Vokalsolisten und dem auf historischen Instrumenten spielenden Orchester Solamente Naturali unter der Leitung von Bezirkskantor Nils Kuppe eine kongeniale Interpretation von Bachs einfühlsamer und eindrucksvoller Vertonung des biblischen Berichts vom Leiden und Sterben Jesu nach dem Johannesevangelium.

Bereits der Eingangschor gelang der Kantorei der Elisabethkirche mit Überzeugungskraft, Klarheit in Ton und Sprache sowie stimmlicher Geschlossenheit der etwa 90 Choristen. Ausgewogen klangen die jungen und reifen Stimmen sowie die etwa ein Drittel Männer- zu zwei Drittel Frauenstimmen.

Es war eine Freude, den Sängerinnen und Sängern bei den schlichten und innigen vierstimmigen Chorälen, den exzessiv vorgetragenen Chören als Vertreter des Volkes, den präzisen Einwürfen und den fugischen Passagen in transparentem Klang und rhythmischer Präzision zuzuhören.

Die Kantorei der Elisabethkirche glänzte mit hoher Konzentration und Kondition bis fast ans Ende - erst da wirkte der Klang bei der Generalprobe in Stadtallendorf leicht unruhig. Fantastisch klangen die großen Turba-Chöre in Vertretung des Volkes: Leidenschaft bis hin zu religiösem Wahn vermittelnd, eindringlich, mit Kraft, Prägnanz und Exaktheit in toller Rhythmik. Minimale Unsicherheiten beim Einsetzen der Chöre und in deren Verlauf fielen nicht ins Gewicht.

Von den fünf Vokalsolisten hatte der Tenor Knut Schoch als Evangelist den größten Part, den er souverän meisterte. Der Bariton Jens Hamann interpretierte überragend die Rolle des Jesus. Die Sopranistin Annemei Blessing-Leyhausen sang geschmeidig mit klarer Stimme und sinnlicher Textausdeutung. Der Altus Meinderd Zwart hatte einige bezaubernde Momente. Der Bass Andreas Czerney fügte sich dezent ins Vokalistenquintett ein.

Das Orchester Solamente Naturali war mehr als ein einfühlsamer Begleiter mit exzellenten Solisten, die immer wieder für musikalische Glücksmomente sorgten: ein exquisites Ensemble.

Bezirkskantor Nils Kuppe dirigierte reif, je nach Bedarf ruhig, pointiert, engagiert, eng bis umfassend führend. Ihm gelang eine in allen Facetten stimmige Interpretation der Johannespassion von Bach. Er vertraute den Solisten und den Musikern des Barockorchesters Solamente Naturali und ließ ihnen den größtmöglichen Entfaltungsfreiraum.

Das Publikum in Stadtallendorf war gerührt und zugleich begeistert. Es applaudierte minutenlang im Stehen. Am Sonntag war es in der Elisabethkirche genauso: Als Lohn für die monatelange Arbeit gab es stürmischen Applaus.

von Helmut Rottmann

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