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Merkel und der emotionale Wärmetod

Georg Ringsgwandl im KFZ Merkel und der emotionale Wärmetod

„Mehr Glanz!“ ist Georg Ringsgwandls aktueller Kommentar zum allgegenwärtigen Debattenthema „Wachstum oder Verzicht“. Im KFZ positionierte sich der Herr Doktor dazu eindeutig.

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Georg Ringsgwandl hat auch seinem Outfit mehr Glanz verliehen – sagt er jedenfalls selbst. Im
Hintergrund Gitarrist Daniel Stelter.Foto: Carsten Beckmann

Marburg. Ein glänzend aufgelegter Entertainer, eine glänzende Band, ein glänzend ausverkauftes Haus - mit seinem aktuellen Songmaterial passt Ringsgwandl perfekt ins Clubformat. Fast ein Glücksfall also, dass Marburgs Stadthalle derzeit nicht bespielbar ist, definitiv ein Glücksfall, den Mann mit dem Hut im Kulturladen zu haben. Auf Tuchfühlung mit dem Publikum, das war und ist Rings­gwandls Ding ohnehin, kurze Wege vom Stimmband in die Hirne der Zuhörer und ein ebenso intimes Feedback zurück auf die Bühne. Ideale Bedingungen also am Donnerstagabend im KFZ. Ein behutsames Intro von Drummer Tommy Baldu, Bassmann Sebastian Flach und Gitarrist Sebastian Stelter, sehr behutsam für eine Nummer, in der immerhin lautstark gefordert wird: „Schmeiß den Typen raus!“. Ja, die Typen, die Volldampfplauderer, Garten-Nazis, Wohnmobil-Spießer, die Bankster, Blender und Blödiane dieser Welt - sie sind Ringsgwandl so richtig ans hassende Herz gewachsen, und er schüttet wie eh und je kübelweise Gift und Galle über dem Establishment aus. Die Vermutung, er zeige mit vier Balladen beziehungsweise Liebesliedern auf dem neuen Album so etwas wie Altersmilde, will Ringsgwandl nicht gelten lassen, vielmehr lädt er auf der Bühne einen Song wie „Wärmetod“ noch dadurch politisch auf, dass er behauptet, Angela Merkel habe sich die Nummer als GroKo-Hymne von ihm schreiben lassen. Bei Textzeilen wie „Keiner sagt, was Sache ist, es wird nur rumlaviert“ mag man‘s fast glauben.Es sind diese Anekdoten, die Schrullen und Conferencen, die einen Abend mit Georg Ringsgwandl schon immer zu mehr als einem Konzert gemacht haben. Ausflüge ans Keyboard oder die Zither setzen das Gesamtkunstwerk Ringsgwandl in Szene - einen Entertainer, der im Jahr 2014 weniger exaltiert daherkommt und dafür umso mehr seine Bandkollegen in den Vordergrund rückt. Die könnten ausnahmslos seine Söhne sein, und insbesondere der junge Daniel Stelter verblüfft ein ums andere Mal mit seinem, nun ja: verdammt reifen Ton. Delta-Blues und Jazzskalen, Rocklicks, Effektspielereien oder Kabinettstückchen auf der Mandoline - der junge Musiker aus Ingelheim leistet lächelnd die melodische Schwerstarbeit, während Flach und Baldu den Spagat zwischen diszipliniertem Groove und tiefenentspannter Lässigkeit hinbekommen. Eine bessere Band hatte Georg Ringsgwandl wohl noch nie im Rücken - ein Trio, das alles quer Gedachte und schräg Intonierte dezent entgratet, ohne auch nur einmal in die Nähe des Banalen abzugleiten.

von Carsten Beckmann

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