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„Mein Instrument 
ist die Sprache“

Buchpreisträger Bodo Kirchhoff im TTZ „Mein Instrument 
ist die Sprache“

Im vergangenen Herbst wurde Bodo Kirchhoff mit dem Deutschen Buchpreis geehrt. Am Donnerstagabend las er im TTZ aus der preisgekrönten Novelle „Widerfahrnis“.

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Bodo Kirchhoff, Träger des Deutschen Buchpreises 2016, las im Technologie- und Tagungszentrum.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. „Seine Bücher sind schon jetzt Klassiker der Gegenwartsliteratur“, erklärte Jürgen Joachimsthaler, Vorsitzender des Marburger Literaturforums, und begrüßte die rund 150 Gäste im TTZ. Dann betrat Bodo Kirchhoff die Bühne, ein schlanker, ernsthaft wirkender Mann, ganz in Schwarz gekleidet. Er las mit klarer, fester Stimme, sein Vortrag war lebendig und eindrucksvoll.

Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ erzählt die Liebesgeschichte des Verlegers Reither und der Hutmacherin Leonie Palm. Beide haben einiges gemeinsam: Sie haben ihren Beruf aufgegeben und in früherer Zeit eine Tochter verloren. Ganz spontan, ohne sich zu kennen, gehen sie zusammen auf eine Autoreise durch Italien. Unterwegs verlieben sie sich ineinander und verbringen auf Sizilien eine wunderschöne Nacht.

Aber die Sache ist kompliziert. Beide sind nicht mehr jung und bringen eine lange, schwierige Vorgeschichte mit. Und sie treffen auf Sizilien ein Flüchtlingsmädchen, das sich ihnen anschließt.

„Man darf keine innere Schere haben“

Immer wieder begegnen sie auf ihrer Reise auch anderen Flüchtlingen, die völlig abgerissen und verzweifelt am Straßenrand stehen, und die Frage stellt sich, ob man ihnen helfen soll. Das alles ist in einer fesselnden, bilderstarken und poetischen Sprache geschrieben, die von der ersten Seite an fasziniert.

In der folgenden Diskussion wurde Bodo Kirchhoff gefragt, warum er vor allem Passagen gelesen habe, die sich um die Liebesgeschichte drehen. „Ich wollte keine Diskussion darüber, ob man nett sein soll zu den Flüchtlingen“, sagte der Schriftsteller. „Heute gibt es ja zu jedem Thema sofort und schnell die passenden Worte in der Öffentlichkeit.“

Ein zweiter Zuhörer fragte, wie Kirchhoff die Novelle komponiert habe. „Es gibt insgesamt sieben Fassungen der Geschichte“, erzählte er. „Schreiben ist die Verbindung von Konzentration und Weichheit, Offenheit. Man darf keine innere Schere haben.“

Eine begeisterte Kirchhoff-Leserin zeigte sich enttäuscht von der „08/15-Geschichte“, die ihrer Meinung nach in „Widerfahrnis“ erzählt wird. Und sie fragte, ob er sich mit dem Flüchtlingsthema nicht an ein aktuelles Thema „ranschmeiße“. Der Schriftsteller antwortete, er habe vieles von dem erlebt, was er in dem Buch beschreibe. Vor allem aber hätten ihn die liebenden Figuren in der Geschichte interessiert.

Schließlich fragte eine Zuhörerin, wie er es schaffe, so viel zu schreiben. „Ich bin sehr zäh“, erklärte Kirchhoff. „Schreiben ist sehr viel Arbeit. Mein Instrument ist die Sprache. Sprache hat für mich viel mit Musik zu tun, es ist sehr wichtig, dass es klanglich stimmt.“

von Bettina Preussner

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