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Mehrstimmigkeit in ihrer schönsten Form

Canticum Antiquum Mehrstimmigkeit in ihrer schönsten Form

Die knapp 30 Sängerinnen und Sänger hatten „Lamentationen“ von der Gregorianik bis zur Moderne interpretiert. Sie bewiesen damit den 130 Besuchern einmal mehr ihr enormes musikalisches Können.

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Der Chor Canticum Antiquum begeisterte mit Klageliedern in der Universitätskirche.Foto: Rottmann

Marburg. Oft wurden in der Kirchenmusik die Bücher des Propheten Jeremia vertont, in denen er die Zerstörung Jerusalems um 586 vor Christus betrauert. Die Spannbreite der von Brigitte Krey geschickt ausgewählten und angeordneten 17 Lamentationen reichte vom 11. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts.

Es herrschte in den ersten drei Werken eine leichte Unruhe im Chor. Danach sang Canticum Antiquum unter dem schnörkellosen Dirigat von Brigitte Krey mit gewohnter Präzision, mit Glanz in den geschulten Stimmen sowie mit Sicherheit im Ton, in Rhythmik und Dynamik. Es bildete sich, auch in wechselnder solistischer Besetzung, ein variabler und fein austarierter Ensembleklang.

In Werken für Solo-Stimmen vom bezaubernden Sopran-Alt-Duett bis zum stimmungsvollen Doppel-Quintett zelebrierten Chormitglieder die Farbigkeit der Musik. Ein stimmlicher Glanzpunkt dieses Konzerts: Othmayrs „Miserere Mei Deo“ mit einem Sopran in Reinheit und Leichtigkeit und einem Alt voller Wärme und Geschmeidigkeit.

Kunstwerke der Mehrstimmigkeit wie Zarlinos „I vo piangend“ ließ das Vokalensemble Canticum Antiquum in feinsinniger Textausdeutung und empfindsamer Tongestaltung bis hin zu voluminösem Klangbildern wie Kleinode funkeln. Utendals „Ich rüf zu dir“ überzeugte in seiner abwechslungsreich gestaffelten Mehrchörigkeit mit schönem Melodien- und Stimmenfluss mit besonderen Klangeffekten.

Portas „Voce Mea“ begeisterte mit überwältigender Mehrstimmigkeit in wechselnden Einsätzen, in teils zartem Stimmenverlauf, teils kräftiger Akkordik. Übertroffen wurde es noch von der Interpretation von Philipp de Montes „Peccantem me quotidie“: Das war Mehrstimmigkeit in seiner schönsten Form.

Im Mittelpunkt stand Rudolf Mauersbergers siebenstimmige Motette „Wie liegt die Stadt so wüst“, die er sich 1945 nach der Zerstörung Dresdens von der Seele schrieb. Dem Canticum Antiquum gelang eine tief berührende Interpretation seines Textes mit schlichten Harmonien, fließenden Tonartwechseln und nahtlosen Steigerungen und Abschwächungen der Dynamik. Die Zuhörer wurden unweigerlich eingebunden in den Schmerz und die Trauer um die Zerstörung der Stadt.

Der Kontrast hätte kaum größer sein können: Es folgte Hildegard von Bingens „O Vis Eternitatis“: Ein gregorianischer Gesang des Soprans in archaischer Schlichtheit und Geschmeidigkeit der Stimmen, deren Klang durch den Kirchenraum schwebte.

Zum Abschluss erklang aus Hugo Wolfs „Sechs geistlichen Liedern“ nach Texten Joseph von Eichendorffs die „Resignation“ in Zartheit, Herzlichkeit und Intimität, in empfindsamer Tongestaltung und Textausdeutung, die Herz und Gemüt berührten. Das Publikum bedankte sich mit herzlichem Applaus, der sich zu Ovationen steigerte.

Mit einer Fotokarte des Chores warb das Vokalensemble Canticum Antiquum um Männerstimmen. Nach diesem glanzvollen Konzert sollte jeder Sänger Lust bekommen haben, in diesem Ensemble mitzusingen.

von Helmut Rottmann

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