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Mehr Gelassenheit und mehr Bescheidenheit

Otto-Ubbelhde-Preis Mehr Gelassenheit und mehr Bescheidenheit

Am kommenden Dienstag wird der diesjährige Otto-Ubbelhde-Preis, mit dem der Landkreis kulturelles Engagement belohnt, im Schloss Biedenkopf feierlich verliehen.

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Alfred Weitzel im Heimatmuseum von Obereisenhausen.

Quelle: Christine Krauskopf

Marburg. Die Bürgergarde Kirchhain haben wir Ihnen bereits vorgestellt. Jetzt stellen wir Ihnen den zweiten Preisträger, Alfred Weitzel aus Niedereisen, vor.
Was Weitzel alles für sein Heimatdorf Obereisenhausen auf den Weg gebracht hat, würde ein Buch füllen. Und das wäre vermutlich so umfangreich wie die „Chronik 900 Jahre Obereisenhausen“, deren Vorversion fast zehn Zentimeter dick ist. Ob sie je veröffentlich wird, weiß Weitzel nicht. Sie wirft einen sehr persönlichen Blickwinkel auf die Geschichte des Dorfes.
Weitzel gehört zur vermutlich vierte Generation seiner Familie, die in Obereisenhausen lebt. Das Heimatgefühl scheint erblich: Selbst Enkel Stefan legt Wert darauf, in München nur zu arbeiten, in Obereisenhausen jedoch zu Hause zu sein. Alfred Weitzel selbst ist im Dorf geboren und nie weggezogen. Woher kommt so viel Heimatverbundenheit? Er mag die Erinnerungen an seine Kindheit. Die besondere Liebe zu Obereisenhausen mag in ihm gewachsen sein, als er mit 15 Jahren fort musste. Damals war Krieg, und Hitlers Armee rief nach Flackhelfern. „Mein Vater hat mir zum 16. Geburtstag drei Zigaretten nach Ludwigshafen geschickt“, erinnert er sich.
„Es war eine arme Zeit“, sagt er, der selbst auch noch zum Arbeiten ins Siegerland ziehen musste. Überhaupt ist seine berufliche Biografie recht abwechslungsreich. Nach dem Krieg konnte er seine kaufmännische Ausbildung im Kornhaus Wallau nicht fortsetzen, das war nämlich abgebrannt. Darum absolvierte er eine Lehre als Maurer auf der Ludwigshütte bei Biedenkopf, arbeitete später in der Waschkesselabteilung bei Bamberger in Friedensdorf und trat 1952 seinen Dienst bei der Post in Biedenkopf an. Er legte seine Beamtenprüfung und führte unter anderem neun Jahre lang die Poststelle in Niedereisenhausen und ging 1993 in den Ruhestand. Bis zum Postobersekretär hatte er es gebracht.
Wer einen Blick in „Abbu-s Ruh“, Weitzels Garage und den winzigen Nebenraum, werfen darf, bekommt einen Eindruck vom Leben des vielseitig interessierten Mannes. Neben Wanderstiefeln, Rucksack und ungezählte Auszeichnungen für viele tausende Kilometer Wanderungen hängen dort uralten Fotos und Bildern, die ihn im Yellow-Stone-National-Park in den USA und im Backhaus zeigen. Es sei sein Arbeitszimmer, sagt er und weist auf den Schreibtisch. Geheizt wird mit dem alten Küchenherd. Die zusammengeklappten Campingstühle lassen ahnen, was der ehemalige Ortsvorsteher bestätigt: Er bekommt oft Besuch. Die wenigen Quadratmeter vor der Garage hat er mit Blumentöpfen voll gestellt. Es grünt und blüht. Die Weintrauben an den Rebstöcken würden reif werden, sagt er stolz. Die Pflanzen sind noch eines seiner Hobby.
Die ehemalige Schule pachtete Weitzel von der Gemeinde für die Vereine im Dorf für eine symbolische Mark pro Jahr. Das Haus wird von den Vereinen in eigener Regie geführt und genutzt. Unten ist ein kleiner Saal mit Theke, oben sind Heimatmuseum, ein Zimmer voller Fotos aus Obereisenhausen sowie ein Raum, den Vogelkundler zurzeit mit ausgestopften Tieren herrichten, untergebracht.
Die Dorfbewohner und vor allem Alfred Weitzel haben einen bunten Querschnitt aus Altertümlichem für das Museum zusammengetragen: Tabakmaschine und Feuerwehruniform, Webstuhl, Flachsbreche und Grammophon, Röhrenradios, Geschirr und diverse Butterfässchen, eine Vierfach-Mausefalle, handgeschmiedete Nägel, eine Knochenmühle, ein langes Regalbrett volller Waagen und vieles, vieles mehr. In einem großen Schrank sind die Trachten untergebracht, im Schulzimmer stehen eine alte Tafel, eine urtümliche Rechenmaschine mit Kugeln, Tisch und Stuhl. Zu allem und jedem Stück kann Weitzel eine Geschichte erzählen. Die von der Destille, mit der 2005 während eines Festzugs Schnaps gebrannt wurde, ist besonders skurril: Der Zoll beschlagnahmte das die selbst gebauten Geräte, machten sie unbrauchbar und verblombten sie.
Ins Besucherbuch hat Weitzel geschrieben, dass er am 14. Juni um 19.30 Uhr zum letzten Mal durchs Museum geführt hat. „Es wird ja doch nicht wahr“, schmunzelt der 80-Jährige. Ob das auch für seine Behauptung gilt, dass er „sicher Ende des Jahres“ aufhört? Das wird nur dann wahr, wenn er einen Nachfolger gefunden hat, der sich nicht nur ums Museum, sondern auch um die heute 140 Mitglieder starke Brauchtumsgruppe kümmert.
Seine anderen Projekte brauchen ihn nicht mehr: Die Brunnen im Dorf und im Wald werden wohl von alleine weiterlaufen, seine Aufgaben in der Kommunalpolitik (Weitzel war unter anderem Ortsvorsteher) erledigen sowieso schon andere. Die Schutzhütte ist lange gebaut und der Spiel- und Bolzplatz angelegt. Überall hat Weitzel sich eingebracht. Seit 1948 ist er Mitglied der Feuerwehr, eine eigene Einsatzabteilung hat das Dorf heute allerdings zu Weitzels Bedauern nicht mehr.
Seit Jahrzehnten wird er mit Auszeichnungen überhäuft, sie reichen vom silbernen Abzeichen des Vogelschutzvereins bis zum bis zum Bundesverdienstkreuz.
Was möchte er mit alle seinem Engagement der Welt vermitteln und an die Jugend weitergeben? Gelassenheit und Bescheidenheit, antwortet er.

von Christine Krauskopf

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