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Kulturszene kämpft gegen Kürzungen

Stadt Marburg setzt Rotstift an Kulturszene kämpft gegen Kürzungen

Es rumort in Marburgs bunter Kulturszene. Grund sind die geplanten Etatkürzungen von ­Oberbürgermeister 
Dr. Thomas Spies. Viele Kulturschaffende fühlen sich ausgebeutet.

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Kulturinitiativen wehren sich gegen Kürzungen: Ulrike Spies (Kunstwerkstatt, von links), Matze Schmidt (Waggonhalle), Rolf Michenfelder (german stage service), Marion Breu (Waggonhalle), Knut Kramer (Musikschule), Frank Peter (Café Trauma) und Gero Braach (KFZ).

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Die Stimmung ist schlecht. Im Landestheater ebenso wie in der Waggonhalle, im neuen, schmucken KFZ wie im G-Werk im Afföller, in der Musikschule wie in der Kunstwerkstatt. Bei allen wurde der Rotstift angesetzt – mal mehr, mal weniger stark.

Mal sechs Prozent weniger, mal acht, mal zwölf Prozent, die Semana Latina und die Schlossfestspiele des Vereins „musica europa“ erhalten gar keine Zuschüsse mehr. Es sei wohl „nach Gutsherrenart“ entschieden worden, vermutet Ulrike Spies von der Kunstwerkstatt bei einem Gespräch von Vertretern verschiedener Kulturinitiativen mit der OP. Die Kürzungen wirkten willkürlich, ihre unterschiedliche Höhe sei nicht erklärt worden.

Im Kulturetat geht es auf den ersten Blick nicht um gigantische Summen. Die Musikschule bekommt nach Auskunft ihres Leiters Knut Kramer 20.000 Euro weniger (minus 8 Prozent), die Kunstwerkstatt, die von der Stadt gerade neue Räume im alten KFZ erhalten hat, muss auf 3700 Euro verzichten (minus zwölf Prozent).

Matze Schmidt: „Das ist ganz dramatisch“

Rolf Michenfelder von der freien Theatergruppe „german stage service“ verbucht ein Minus von 9360 Euro (zwölf Prozent), der Kulturladen KFZ, dessen Zuschüsse seit 2014 mit Blick auf den Umzug in das neue Erwin-Piscator-Haus auf 297.000 Euro nahezu verdoppelt wurden, muss in diesem und im nächsten Jahr auf sechs Prozent verzichten – das macht jeweils 18.000 Euro. Das Café Trauma, das dritte soziokulturelle Zentrum in Marburg, soll nach Auskunft von Frank Peter 6000 Euro einsparen.

Die Waggonhalle trifft es doppelt: 89.000 Euro standen im Haushalt, 6000 Euro soll sie einsparen. Vergessen worden sei dabei allerdings, dass die Waggonhalle in den Jahren zuvor 104.000 Euro bekommen habe. „Macht insgesamt 21.000 Euro weniger“, sagt Matze Schmidt. „Das ist ganz dramatisch.“

Noch komplizierter ist die Situation beim Hessischen Landestheater Marburg. Das Theater gibt es in dieser Form nur, weil das Land Hessen seit Anfang der 1990er-Jahre mit im Boot ist und 59 Prozent der Kosten, rund 1,7 Millionen Euro, trägt. 1,1 Millionen Euro steuert die Stadt zum Etat zu.

Michenfelder: Mit Kürzungen verschwindet Perspektive

Doch die prozentuale Beteiligung der beiden Gesellschafter ist vertraglich geregelt. Kürzt die Stadt in diesem und im kommenden Jahr jeweils sechs Prozent, kürzt womöglich auch das Land – so die Befürchtung. Das wären 173.000 Euro pro Jahr, rechnet Intendant Matthias Faltz vor. „In dem Moment, in dem die Stadt kürzt und das Land folgt, wäre es das Ende. Wir könnten die Mitarbeiter bezahlen, hätten aber keine Mittel mehr, um zu produzieren“, so Faltz.

Hinzu kommen Kürzungen bei weiteren Kulturvereinen: Kunstverein, Konzertverein, Theater Gegenstand, Orchester und Chöre. All das zusammen rette den defizitären Haushalt der Stadt Marburg nicht, habe aber das Potenzial, die Kulturlandschaft zu zerstören, warnte der Kunstvereinsvorsitzende Dr. Gerhard Pätzold schon vor zwei Wochen gegenüber der OP.

In diese Kerbe schlägt auch der langjährige Theatermacher Rolf Michenfelder: „Mit den Kürzungen verschwindet die Perspektive.“ Aufgefangen werden könnten die Kürzungen nur durch Personalabbau in einer Branche, in der die Mitarbeiter finanziell ohnehin nicht auf Rosen gebettet sind. Langjährige KFZ-Mitarbeiter etwa haben nach Auskunft von KFZ-Geschäftsführer Gero Braach Renten allenfalls in Höhe der Grundsicherung zu erwarten, so niedrig sind die Löhne. Andere sind da noch weit drunter.

Intendant Faltz: Streichungen unvernünftig

„Respektlos“ nennt Matze Schmidt die Kürzungspläne. „Wir werden und können die Waggonhalle nicht schließen. Die Kürzungen werden auf dem Rücken aller Mitarbeiter ausgetragen.“ Nach Ansicht von Gero Braach richten sich die Kürzungen „gegen die Zivilgesellschaft“. Alle betroffenen Initiativen und Vereine gestalteten das Leben in Marburg so vielfältig und positiv, dass die Stadt die Szene dafür immer lobe. Was jetzt passiere, so der Tenor der betroffenen Gruppen, sei „Raubbau an der Kultur“.

Ähnlich sieht es Landestheater-Intendant Faltz auch mit Blick auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen: „Die Kürzungen sind einfach unvernünftig. Wir sind ja kein Bespaßungsverein, wir betreiben kulturelle Bildung auf allen Ebenen, sind ein Ort der Diskussion.“ Schwierig werde die Situation ab 2018 für seine Nachfolgerinnen Carola Unser und Eva Lange.

Die Kulturinitiativen wollen sich wehren, haben Plakataktionen ins Leben gerufen: „Weicher Standortfaktor hart gekürzt“, „Statt vorwärts Stadt abwärts?“ oder „Ist das Kultur? Dann kann das weg“ lauten die Motive, die man bald überall sehen wird.

von Uwe Badouin

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