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Marburger erlebte Lincoln-Attentat mit

Dazwisschen der Ozean: Buch über Auswanderer Marburger erlebte Lincoln-Attentat mit

Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten Millionen Deutsche in die USA aus. Darunter war auch der Marburger Wilhelm Heinrich Klein. Die Autorin Liane von Droste zeichnet unter anderem sein Leben nach.

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In Massen verließen Deutsche im 19. Jahrhundert das Land. Es zog sie vor allem in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sie auf eine glücklichere Zukunft hofften.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Drei Jahre lang hat die Journalistin Liane von Droste an ihrem Buch gearbeitet. Sie stellt darin anhand von Aufzeichnungen, Biografien, Erinnerungen und Briefen die Schicksale von vier Menschen nach, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Sprung über den Großen Teich gewagt haben: Julie Hanke aus Oberschlesien bricht 1847 mit ihren beiden Kindern auf, Gustav Lenz verlässt Tübingen nach den Unruhen von 1848, ebenso Wilhelm Christian Haagen.

Sehr spannend sind aus Marburger Sicht die Schilderungen von Wilhelm Heinrich Klein. 1838 wurde er in der Barfüßerstraße 5 als zweitjüngstes von neun Kindern eines Schmieds geboren. 1857, im Alter von 19 Jahren, bricht er seine Zelte in der Heimat ab.

Die vier Menschen stehen stellvertretend für rund 6 Millionen Deutsche, die zwischen 1815 und 1900 in die USA auswanderten. Es war eine Massenflucht. Die Motive waren unterschiedlich: Manche flohen vor Repressalien, andere gingen aus politischen, religiösen Gründen. Meist aber hatte die Auswanderung wirtschaftliche Gründe.

Liane von Droste ist durch Zufall an die Aufzeichnungen des Marburgers geraten. Sie hatte einen Lehrauftrag an der Universität Tübingen und traf dort einen pensionierten Kinderarzt, der Kleins in Sütterlinschrift verfasste Aufzeichnungen für dessen Urenkel transkribierte. Die Autorin druckt ihn im Wortlaut abgedruckt ist, was ihn besonders interessant macht.

Klein ging in Baltimore an Land. Neun Wochen hatte er zuvor mit mehr als 1000 Passagieren auf einem Segelschiff verbracht. Sie alle hofften auf ein neues Leben im gelobten Land. Der 19-Jährige hatte zwar die Adresse von Brüdern der Mutter, die in Louisville lebten, blieb aber in Baltimore. Und wen trifft er dort auf der Straße? Einen Marburger, der ihn mitnimmt in die Pension eines anderen Marburgers, wo er auf einen Schulkameraden trifft. Die Welt ist klein. Doch ist dies auch Ausdruck der Massenflucht aus Deutschland.

Immer wieder trifft Wilhelm Heinrich Klein in dem riesigen Land auf deutsche Landsleute, während er sich mit unterschiedlichsten Arbeiten durchschlägt: Er arbeitet als Milchverkäufer, in Möbelfabriken, in einer Manufaktur, in der Klaviere hergestellt werden. Bis 1857 „dieser große Krach“ ausbricht“, eine erste Wirtschaftskrise.

Klein findet keine Arbeit mehr, und als die Ersparnisse aufgebraucht sind, meldet er sich 1959 im „Werbebureau“ der US-Cavallerie. Klein ist jedoch so klug, auf die Warnungen anderer Soldaten zu hören und schafft es mit einem Trick, rechtzeitig auszusteigen. Er kommt so um die Indianerkriege und den Bürgerkrieg (1861 - 1865) herum, der 600000 Menschen das Leben kosten sollte.

Es ist bemerkenswert, wie mobil die Menschen in den USA in dieser Zeit waren. Kamen Bauern in Deutschland kaum aus ihrem Dorf heraus, so bereiste der junge Deutsche große Teile der USA. Er arbeitete in Baltimore, Philadelphia und Washington und erlebte dort hautnah das Attentat auf Präsident Lincoln mit: Als Lincoln am 14. April 1865 im „Ford‘ Theater“ erschossen wurde, saß Klein unter den Zuschauern und wunderte sich, warum sich der Vorhang so früh schloss.

Klein verdiente immer besser, mit Tabak, Wein, Cognac und in einem deutschen Restaurant. Im Auftrag eines Weinhändlers reiste er auch nach Californien: „Daß ich damals nicht dort geblieben war, hat mich später und auch noch heute gereut, ich fand dort ein reines Paradies.“

Der Kontakt nach Deutschland riss nie ab. Er besuchte seine Mutter in Marburg und kehrte später wegen Geschäften noch einmal zurück mit seiner Frau - es war allerdings keine glückliche Ehe.

Die Aufzeichnungen schrieb Klein im Alter von 52 Jahren für seinen Sohn. Damals hatte er den Vereinigten Staaten wieder den Rücken gekehrt und lebte nun in Deutschland. Wann er zurückkehrt und warum, wird nicht deutlich.

Das Buch gibt einen authentischen Einblick in das Leben von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Zelte in der Heimat abbrechen, um in einem ebenso fernen wie fremden Land in einer ungewissen Zukunft ihr Glück zu suchen. Die USA, auch das wird deutlich, waren damals tatsächlich das Land der Freiheit für „die Europamüden“, wie die Auswanderin Julie Hanke schrieb. Nicht alle aber hatten so viel Glück wie der Marburger Klein.

Liane von Droste: „Dazwischen der Ozean“, edition steinlach, 246 Seiten, 19,90 Euro

von Uwe Badouin

Im Wortlaut:

Das Attentat auf Präsident Abraham Lincoln am 14. April 1865 bewegte viele Amerikaner zutiefst. Im Moment läuft gerade Stephen Spielbergs Film „Lincoln“ im Marburger Capitol-Center. Der Marburg Wilhelm Heinrich Klein erlebte es hautnah, schildert es in seinen Erinnerungen aber fast beiläufig. Auf sein Leben hatte das Attentat offensichtlich kaum Auswirkungen:

„Wenn dann abends nicht sehr viel zu thun war – und das war gewöhnlich zur Zeit des Theaters der Fall – ging ich zu Doberer in unsere Filiale. Dort half ich während des Zwischenaktes, die andere Zeit benutzte ich, um das Stück im Theater zu sehen. Eines Abends wurde das Stück der ,American Cousin‘ gegeben. Ich hatte es noch nicht gesehen. Als der Vorhang fiel, eilte ich wie gewöhnlich hinaus, um Doberer zu helfen. Der war erstaunt, daß ich schon aus dem Theater kam, da nach seiner Lesung das Stück noch nicht soweit war, daß der Vorhang fallen konnte. Da kamen auch schon die Menschen aus dem Theater gestürzt und meldeten, daß der Präsident Lincoln ermordet worden sei, am 14. April 1865. Es stellte sich heraus, daß ein Schauspieler namens Booth – der Sohn eines berühmten Schauspielers – die That vollbracht hatte. Es war eine Verschwörung von Südländern, es ging um Rache und mit Lincolns Tod, so glaubten einige, würde die Lage des Südens gebessert. Die Theater waren von da ab geschlossen. Unsere Wirtschaft neben dem Theater ging ein. Doberer erhielt anderwärts eine gute Stelle.“

Auszug aus Liane von Drostes Buch „Dazwischen der Ozean“.

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