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„Absolute Grenzerfahrung für alle“

Kinostart „Streiflicht“ „Absolute Grenzerfahrung für alle“

Am Freitag feiert Thomas Rösser mit seiner Filmcrew und Besuchern im Capitol-Center die Premiere seines in Marburg gedrehten ­Krimis „Streiflicht“.

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Das Foto zeigt eine Szene aus dem Film „Streiflicht“ von Thomas Rösser.

Quelle: Streiflicht Produktion

Marburg. Eigentlich könnte­ man über die Geschichte des Spielfilms „Streiflicht“ wohl selbst einen Film drehen. Im Jahr 2009 saß Thomas Rösser mit seiner Frau Kerstin in einem Marburger Restaurant. Am Nebentisch erzählte ein Mann die Geschichte einer „fremdbestimmten Frau“. Sie sei einem anderen verfallen, sei physisch zwar noch da, psychisch aber verschwunden.

Die Geschichte hat Thomas Rösser gepackt. Noch im Restaurant macht er gemeinsam mit Markus Metzler und seiner Frau Notizen, schreibt den Plot für einen Film auf Bierdeckel und setzt sich ans Drehbuch. Ihm ist klar: Es wird sein Film.

Rösser schreibt 13 Drehbuchfassungen, bevor er im August 2010 mit den Dreharbeiten beginnt. Er hat wenig Geld, aber viel Enthusiasmus und Überzeugungskraft. Sieben Darsteller – darunter die Profis Michael Herrmann, Dominique Wolf, Sebastian Songin, die Musikerin Tess Wiley, Heike Ulrich, die schon in Tatort-Filmen und der TV-Serie Marienhof zu sehen war – und rund 60 Statisten bewegt er zum Mitmachen. Zahlen kann er eigentlich nichts. „Streiflicht ist eine Micro-­Budget-Produktion“, erzählt er im Gespräch mit der OP. Geld von der Filmförderung gab es 
nicht.

Acht Jahre lang hat der Regisseur und Medienwissenschaftler Thomas Rösser (44) für diesen Termin gearbeitet, gelitten und gefiebert: Am Freitagabend ist es im Capitol-Center so weit – sein Spielfilm „Streiflicht“ feiert seine Marburg-Premiere.

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Die Dreharbeiten waren dann „eine absolute Grenzerfahrung für alle“. Wenig Geld, bedeutet: wenig Zeit. Bis zu 20 Stunden am Tag habe er gedreht, in sechs Wochen gab es einen freien Tag. Sponsoren unterstützen ihn: mal mit belegten Brötchen, mal mit einem Hotelzimmer.

Gedreht hat er in Marburg – die Stadt, die er kennt. Der 44-Jährige ist hier geboren, aufgewachsen, hat die Emil-von-Behring-Schule besucht, dann an der Steinmühle Abitur gemacht. Später hat er Neuere Deutsche Literatur und Medien studiert, inzwischen über Musik im Film promoviert. Die Wahl des Drehortes viel ihm leicht: „Ich brauchte keine Location-Scouts, die für Filmproduzenten schöne Drehorte suchen. Ich hatte hier meine Kontakte und in der Oberstadt muss man keine Kulissen aufbauen. “

Wer glaubt, mit Abschluss der Dreharbeiten sei der schwierigste Teil eines Film gemeistert, der ahnt nichts von der sogenannten Post-Produktion. Die dauert in der Regel viel länger, als ein Dreh. Bei Thomas Rösser wurden es fast sechs Jahre.

„die tonbox“ mischte mit

Ein Jahr lang wurde der Film von Christian Reinhardt in Berlin geschnitten – von Hunderten Stunden auf eine Rohfassung von 120 Minuten. Es hat so lange gedauert, weil sich Thomas Rösser den Schnittplatz im Studio nur nachts leisten konnte und Reinhardt noch für andere Filmproduzenten arbeitete. „Ich bin bestimmt 20 Mal nach Berlin gefahren und habe mir dann spät in der Nacht ein Hotelzimmer gesucht“, sagt Rösser. Heute kann er darüber lächeln.

Filme müssen in der Regel auch nachsynchronisiert werden – den Originalton von den Drehorten kann man oft nicht verwenden. Das sogenannte Sound-Design wurde in einem Studio in Paderborn gemacht.

Ein Film braucht auch Musik. Thomas Rösser wollte klassische Filmmusik. Er bat den Komponisten Markus Metzler, Musik für ein kleines Orchester zu schreiben. „Er hat aber Musik für ein 60-Mann-Orchester geschrieben. Das war der Super-Gau.“ Zum Glück hat Marburg in Sachen Musik viel zu bieten: Musiker vom Studenten-Sinfonie-Orchester und der Jungen Marburger Philharmonie sprangen ein, nahmen die 59 Einzelstücke unter der Leitung des Dirigenten Ulrich Manfred Metzger an zwei Tagen in der Evangeliumshalle in Wehrda auf. Dann ging es wieder ins Studio – diesmal in „die tonbox“ von Ito Grabosch in Mardorf.

Thomas Rösser (Foto: Nadine Weigel), blieb hartnäckig, obwohl er längst einen Vollzeit-Job hat. Aufgeben gilt nicht, sagt er. „Streiflicht“ ist fertig geworden. 95 Minuten dauert der Krimi-Thriller rund um den ­erfolgreichen Galeristen Wilko Hansen, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er ein Gemälde von unschätzbarem Wert ersteht und seine Lebensgefährtin Selbstmord begeht. Bald steckt er mitten in einer düsteren Geschichte um Macht, Geld und Fremdbestimmung.

Bislang war der Film – mit Erfolg – bei fünf kleinen Festivals zu sehen. Die Kino-Premiere am Freitag um 20 Uhr ist ausgebucht, das Capitol-Center hat einen zweiten Saal geöffnet, in dem der Film um 21 Uhr startet.

Thomas Rösser hat jetzt echtes Lampenfieber. Er hofft, dass sein ruhig erzählter Film in Marburg ankommt, länger im Capitol läuft, er weitere Kinos findet, irgendwann vielleicht die Produktionskosten einspielt und er sein neues Filmprojekt starten kann. Das hat er schon im Kopf.

von Uwe Badouin

   
   
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