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Arno Funk hat den Rhythmus raus

90. Geburtstag Arno Funk hat den Rhythmus raus

Wenn Not am Mann ist, setzt sich Arno Funk auch heute noch ans Schlagzeug – oder an die Congas. Am Sonntag, 8. Oktober, wird er 90. Die OP sprach mit 
ihm über sein bewegtes 
Leben.

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„Ich habe immer getrommelt“, sagt Arno Funk. Am Sonntag wird er 90 Jahre alt.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Woher hat Arno Funk nur die ganze Zeit für seine Hobbys, seine Berufe und seine Familie? „Das frage ich mich auch“, sagt er lachend in seinem Wohnzimmer. Das steckt voller Erinnerungen an ein langes, bewegtes und ziemlich abwechslungsreiches Leben zwischen Musik, Sport, Familie und leider auch an den Krieg.

Arno Funk, den viele als langjährigen Schlagzeuger der „Swinging Wodka Lemon Gang“ kennen, wurde am 8. Oktober 1927 in Berlin geboren. Als er fünf Jahre alt war, zog seine ­Familie nach Marburg. „Meine Mutter kam aus Kirchhain, sie konnte die Hektik in der Großstadt nicht mehr ertragen“, erzählt Funk. „Heute bin ich kein Berliner mehr, ich bin ein echter Marburger.“

Schon während der Schulzeit, er sei etwa 13 Jahre alt gewesen, habe er die Musik entdeckt. „Ein Freund spielte etwa Klavier. Ich habe mir einen Stickrahmen genommen, ihn mit Pergament bespannt und mit einer Flaschenbürste bespielt.“ So fing es an. Später lieh er sich ein Schlagzeug.

Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Jugendlicher zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Als er zurück nach Hause kam, war das Haus in der Rosenstraße zerbombt. „Das Schlagzeug lag im Bombentrichter“, erinnert er sich. Er holte es raus, reinigte und reparierte es – und bald kamen die ersten Bands. Kappellen nannte man sie damals. ­

Musiker fielen den Amerikanern auf

Arno Funk trommelte im Schröder-Trio, in der Kapelle Illinger, in der Stadtkapelle Pauli und wie die Kapellen alle hießen, die in Bopps Terrassen, am Ortenberg, in Kirchhain zum Tanz aufspielten.

Arno Funk und Co. gaben in der Nachkriegszeit viele Konzerte. Die Menschen hungerten nach der Nazizeit nach Musik und Unterhaltung. Irgendwann in den 50ern fielen Arno Funk und andere Musiker der amerikanischen Besatzungsmacht auf. Positiv natürlich. Sie wurden vom Fleck weg engagiert. Neun Monate lang spielten sie jeden Abend in den legendären Bopps Terrassen für die amerikanischen Besatzungssoldaten, die Unterhaltung suchten.­ 
„Da stand ich mit meinem Vater auf Kriegsfuß“, sagt Funk.

1957 heiratete Arno Funk seine Frau Ingeborg, die vor vier Jahren verstarb. 1959 und 1961 wurden die beiden Töchter geboren. Doch der Musik blieb er treu. Und in den 1960ern wurde aus den Schlagern langsam Jazz. Damals spielte er mit Dr. Adolf Klapproth und Gerhard Badouin in einer Band, war Schlagzeuger bei den „Hohlblocks“, bevor er vor knapp 30 Jahren bei der „Swinging Wodka Lemon Gang“ einstieg.#

Drei Berufe erlernt

Doch die Musik war nicht sein einziges Hobby: Arno Funk war leidenschaftlicher Kanute. Und ein richtig guter. Viermal wurde er im Zweier-Kanadier Deutscher Meister. An drei Weltmeisterschaften nahm der Slalom-Spezialist teil. „Die Boote haben wir selbst gebaut, es gab ja nichts:“ Bei Weltmeisterschaften fotografierte er die Boote der Franzosen oder Engländer und baute sie zu Hause nach.

Doch dies ist bei Weitem nicht alles: Arno Funk hat drei Berufe erlernt – neben seinen zeitraubenden Hobbys. Direkt nah der Schule wurde er bei den Behringwerken Chemielabor-Jungwerker. Später erlernte er das Schneider-Handwerk, wurde 1957 Schneidermeister. Als das Geschäft im eigenen Unternehmen schwieriger wurde, sattelte­ er noch einmal um: 1970 bestand er die Meisterprüfung als Buchbinder. Mit 70 hörte er auf, in dem Beruf zu arbeiten. Nach wie vor aber gibt er gut besuchte Volkshochschulkurse in der Kunst des Buchbindens. Wo hat er all die Zeit hergenommen? „Das frage ich mich auch“, sagt er.

Ans Schlagzeug setzt er sich nicht mehr regelmäßig. Die Schlepperei sei ihm inzwischen zu viel. Das Schlagzeug steht im Probenraum der „Swinging Wodka Lemon Gang“. Und wenn Not am Mann ist, dann ist Arno Funk auch da. Sein letztes großes Konzert gab er im Frühjahr mit der Band und mit der US-Saxofonistin Lisa Pallard. Und am Sonntag wird er sich vielleicht auch kurz mal ans Schlagzeug setzen.

von Uwe Badouin

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