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Entdeckungsreise in Papier-Welten

Marburger Kunstverein Entdeckungsreise in Papier-Welten

Faszinierend sind die Arbeiten, die die Berlinerin Marion Eichmann in den Kunstverein mitgebracht hat. Diesen Freitagabend, 7. April, um 
18 Uhr wird die Schau ­eröffnet. Es gibt viel 
zu entdecken.

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Die Berliner Künstlerin Marion Eichmann hockt im Marburger Kunstverein neben den Waschmaschinen Gerda und Herta aus ihrer Installation „Laundromat“.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Kurz nach der Jahrtausendwende wurde Marion Eichmann, damals knapp 30 Jahre alt und noch Meisterschülerin, an der Kunsthochschule Berlin Weißensee schlagartig berühmt mit Strickarbeiten. Mit ihren „Maschen“ kleidete sie ganze Räume ein – Tische, Stühle, Sessel, Wände, Menschen, Fahrräder, Bälle.

Die Kunstszene, immer auf der Suche nach Neuem, war elektrisiert. BMW bat sie, einen Mini Cooper in Maschen zu verpacken. „Ich war plötzlich die Künstlerin, die alles einstrickt. Ich wollte weg davon“, sagt die 1974 in Essen geborene Künstlerin im Gespräch mit der OP. Auch weg von dem Rummel, weg von der Forderung, sie solle weiter ihre Maschen stricken.

Heute arbeitet sie mit Papier, Fineliner, Tuschestift, Kleber und Schere. Geblieben ist „ein gewisser Grad an Besessenheit“, wie Dr. Michael Herrmann betont, der die international erfolgreiche Künstlerin Marion Eichmann für den Marburger Kunstverein entdeckt hat.

Besucher kann durch die Installation marschieren

Diese Besessenheit ist nötig für die Kunst, die sie macht. Wochenlang, manchmal monatelang arbeitet sie an ihren Papier-Bildern oder Papier-Installationen. Der Galerist und Kunsthistoriker Herrmann spricht angesichts der Arbeiten der Berlinerin von einer „ganz attraktiven Position für unser Publikum“. Ihre Arbeiten seien „lesbar, erzählerisch, sehr urban“.

Mitgebracht hat Marion Eichmann großformatige Bilder, manche im Maßstab von gut 220 mal 160 Zentimetern: Stadtzyklen aus Istanbul und New York, Blumenbilder und – ganz neu – ihren Laundromat, einen kompletten Waschsalon mit allem, was dazu gehört: Rund 40 Waschmaschinen, ein Zigarettenautomat, Putzeimer, Waschpulver, Automaten für Süßigkeiten und Getränke, einer Tür mit Graffiti, einer großen Uhr – natürlich aus Papier. Dieser „Laundromat“ könnte so in Kreuzberg stehen, wo sie lebt und arbeitet.

Zu sehen war ein Teil dieser Arbeit im Februar bei der Art Karlsruhe. Komplett ist die ­große, raumfüllende Installation erstmals in den musealen Räumen im Obergeschoss des Kunstvereins zu sehen. Der Besucher kann durch die Installation marschieren, die den Betrachter in ihrer Buntheit, ihrem Detailreichtum, ihrer filigranen Kunstfertigkeit und einer gleichzeitigen Ahnung von der Mühe, die damit verbunden ist, geradezu überwältigt.

In Bildern steckt 
detailversessene Arbeit

Marion Eichmann schneidet sich ihre Kunstwelt zurecht, aus unterschiedlichstem Papier mit Schere und Cuttermessern. Stück für Stück werden Papierschnipsel übereinander geklebt, bis reliefartige, dreidimensionale Strukturen entstehen, die zugleich zu großformatigen und äußerst filigranen Bildern werden oder eben zu großen Dingen wie Waschmaschinen.

Hinter der Installation, aber auch hinter ihren großen, so leichtfüßig wirkenden Bildern steckt jeweils monatelange detailversessene Arbeit. Marion Eichmann arbeitet tatsächlich fast besessen an ihren Werken, schneidet und klebt nächtelang. Zwei Handoperationen habe sie bereits hinter sich, so belastend sei ihre Technik, erklärt sie. Wer einen näheren Blick auf ihre Bilder wirft, ahnt warum. Grundlagen sind Zeichnungen vor Ort. „Ich mache nichts anderes, als das, was ich sehe, auf Papier zu bringen“, sagt sie. So hockt sie stundenlang auf dem Istanbuler Taksimplatz und fängt mit Stiften die bunte Szenerie ein. Oder steht tagelang im 11. Stock eines Hochhauses am New Yorker Time Square und zeichnet, was sie sieht.

Kakteenstachel, Lego-Steine und Plastikabfall

Doch diese Skizzen sind nur die Vorarbeiten für die eigentlichen Kunstwerke. Mit filigran ausgeschnittenen Papierstreifen werden mit schnellem Strich gemalte Konturen zu dreidimensionalen Figuren. Kleine Schnipsel aus farbigem Papier ergänzen ihre städtischen Szenerien oder werden zu Blüten in ihren riesigen Blumenstillleben. Hinzu kommen „Fundstücke“: Dübel als Kakteenstachel, ein Lego-Bausteinchen, Plastikabfall, die sie in ihre Papierwelten einbaut.

Dabei erfindet sie nichts. Ihre Bildwelten sind das, was sie sieht – und jeder andere sehen könnte, wenn er denn tagelang aus dem Fenster im 11. Stock eines Hauses auf die umliegende Szenerie schauen würde. Oder Stunde um Stunde in einem New Yorker Café sitzt, um jede Einzelheit der Einrichtung einzufangen – von der Lampe bis zum Besteck. Kurzum: Es gibt viel zu entdecken.

  • Die Ausstellung „Point of View“ von Marion Eichmann wird diesen Freitag um 18 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 25. Mai zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Mittwoch von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Jeden Samstag werden um 16 Uhr kostenlose Führungen angeboten.

von Uwe Badouin

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