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Marburger Chor wagt sich an „Moses“

Marburger Kantorei Marburger Chor wagt sich an „Moses“

„Moses“ ist ein Wagnis. Das Oratorium des Spätromantikers Max Bruch ist sehr anspruchsvoll und 
nahezu unbekannt. Am Samstag, 6. Februar, ist es in der Lutherischen Pfarrkirche zu hören.

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Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum gibt bei den Proben mit seiner Kurhessischen Kantorei den Takt vor.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Das Stück kennt kein Mensch“, sagt Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum. Und er rätselt, warum das große, schwere und sehr dynamische Oratorium nach der Uraufführung am 19. Januar 1895 fast völlig von der Bildfläche verschwunden ist. „Vielleicht hängt es mit dem aufkommenden Antisemitismus in der Zeit der Jahrhundertwende zusammen“, sinniert Maibaum im Gespräch mit der OP.

„1988 wurde der ,Moses‘ aus dem Staub herausgeholt“, sagt der Dirigent und Leiter der großen Kurhessischen Kantorei. Danach wurde das Werk immer mal wieder von renommierten Chören aufgeführt, aber zum „Standard“ in deutschen Kirchen wie etwa Bachs Oratorien gehört Bruchs „Moses“ nicht. Das mag auch daran liegen, dass die Aufführung des vierteiligen Werkes große Anforderungen an den Chor und alle Mitwirkenden stellt. Die Soprane etwa müssen hoch hinaus, so hoch wie noch nie.

Rund 80 Sängerinnen und Sänger

Seit Sommer probt Maibaum mit seinem ebenso routinierten wie ambitionierten Chor – und legt die Messlatte Stück für Stück etwas höher. Wie beim Hochsprung-Training. Denn auch Stimbänder kann man trainieren, so wie ein Sportler seine Muskeln und Bänder trainiert. Hinzu kommen ein großes Orchester mit zehn Bläsern und drei Schlagzeugern für Pauke, Becken und Triangel sowie drei Gesangssolisten.

Maibaum arbeitet wieder mit den Frankfurter Sinfonikern zusammen. Die Sopranistin Simone Schwark singt die Engelsstimmen, die in Bruchs Werk die Stimme Gottes sind, Tenor Michael Siemon singt die Rolle von Moses‘ älterem Bruder Aaron, und Bass Jens Hamann singt den Moses. Insgesamt wirken an der Aufführung rund 80 Sängerinnen und Sänger sowie 43 Musikerinnen und Musiker mit.

„Das Werk ist schwer zu proben, sehr anstrengend. Für so ein Werk braucht man ein halbes Jahr“, sagt Maibaum, der den „Moses“ in seiner Karriere zum zweiten Mal anpackt. Zuletzt hat er ihn 2003 in Duisburg aufgeführt.
Maibaum weiß also, dass die Mühe lohnt. Bruchs „Moses“ entwickle einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen könne, sagt der Kirchenmusiker. „Man wird überwältigt.“ Insbesondere die Passagen, in denen Bruch den Tanz ums Goldene Kalb in Töne gefasst habe, hätten etwas Ekstatisches.

Max Bruch wurde 1838 in Köln geboren. Er starb am 2. Oktober 1920 im Alter von 82 Jahren in Berlin. Freunde klassischer Musik kennen insbesondere sein 1. Violinkonzert. Der Rest seines umfangreichen Gesamtwerkes ist ein wenig in Vergessenheit geraten: Vier Opern, zehn Orchesterwerke, 17 Konzerte, 15 geistliche Chorwerke 38 weltliche Chorwerke, 15 Liederzyklen sowie Kammermusik, Klaviermusik und Orgelwerke hat er komponiert. Nicht gerade wenig.

Ein unglaublich dramatisches Werk

„Bruch war ein Spätgeborener. Er erinnert an Mendelssohn, Brahms und Schubert“, sagt Maibaum. Liszt und Wagner, die großen Stars seiner Zeit, lehnte er ab. „Er galt als altmodisch, ein wenig verstaubt. Aber das interessiert uns heute nicht, wenn es gute Musik ist“, meint der Landeskirchenmusikdirektor.

Und wenn er von Bruchs „Moses“ spricht, wird der vielseitige Musiker und Dirigent fast euphorisch: Moses sei fantastische Musik, ein unglaublich dramatisches Werk mit einer Dramaturgie, die an Opern erinnere.

Das Werk erzählt die Geschichte des alttestamentarischen Patriarchen, der nach alttestamentlicher Überlieferung das israelische Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft nach Kanaan geführt hat. Es ist eine große, geradezu mythische Figur, die Geschichte ein Gründungsmythos. Bruch unterschlägt in seinem dynamischen Werk auch die Gewalt nicht, die den Auszug und die spätere Landnahme prägte.

Überzeugen können sich die heimischen Musikfreunde davon am Faschingssamstag, 
6. Februar, ab 18 Uhr in der Pfarrkirche. Es ist eine vermutlich für lange Zeit einmalige Chance, dieses Werk zu hören, das in Marburg zum ersten Mal überhaupt aufgeführt wird.

  • Karten gibt es im Vorverkauf bei Marburg-Tourismus am Pilgrimstein, Telefon 06421 / 99120. Mehr im Internet unter www.kurhessische-kantorei.de

von Uwe Badouin

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