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Manchmal ist zugedröhnt besser

„Die Sterne“ spielten im KFZ Manchmal ist zugedröhnt besser

Auch nach 23 Jahren ist der rebellische Geist der „Sterne“ ungebrochen. Am Donnerstag luden die Musterschüler der deutschen Popkultur rund 250 Zuschauer im Marburger KFZ zum kollektiven ­„Systemfick“ ein.

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Frank Spilker ist Frontmann und kreativer Kopf der Formation „Die Sterne“.

Quelle: Maik Dessauer

Marburg. Als Support war das Garagen-Rock Duo „Snøffeltøffs“ aus Berlin dabei. Dann kamen „Die Sterne“, und die sind eine Band, die seit 1992 eigentlich nichts anderes tut als das Gegenteil dessen, was von ihnen erwartet wird.

Das Label „Hamburger Schule“ lehnten sie ebenso ab wie die Gelegenheit, sich vor einem großen Hallenpublikum auszutoben, wie es etwa die Kollegen von „Tocotronic“ im Laufe der Zeit zu praktizieren begannen. Als wichtige Einflüsse ihres Stils werden oft Soul, Funk, Electro und Hip-Hop genannt. Swing, Groove, Psychodelic und Rock gehören zweifelsohne ebenso dazu.

Die Hamburger haben sehr viel ausprobiert in ihrer Karriere. Das meiste davon hat funktioniert. Ihr zehntes Studioalbum heißt nun „Flucht in die Flucht“ und ist, nach dem Ausflug auf den Dancefloor, den sie 2010 mit „24/7“ hingelegt haben, vor allem auch eine Flucht hin zu ihren musikalischen Wurzeln, aus denen sie natürlich wieder etwas Neues, etwas Eigenes, etwas Rebellisches schaffen.

Mietpreiserhöhungen und Hundescheiße

Auch wenn die Rebellion von Frontmann Frank Spilker an diesem Abend wegen Rückenschmerzen etwas steif ausfällt, so sorgt er bereits mit seiner ersten Ansage für den wachen Geist, den die Sterne von ihren Zuhörern verlangen: „Wenn man sieht, wie die Leute im Mittelmeer ersaufen, was sind da schon unsere kleinen Problemchen“ – passende Worte zum ersten Stück des Abends: „Wie groß ist der Schaden bei dir“.

Weiter geht es mit „Innenstadt Illusionen“, in dem Spilker mit beeindruckender Beiläufigkeit Gentrifizierungsphrasen drischt und zu eben jenen kleinen Problemen zurückkehrt, denen sich „Die Sterne“ und ihr Publikum im Kapitalismus ausgesetzt sehen: Mietpreiserhöhungen, Parkplatzmangel, Hundescheiße.

Es folgt ein Mix aus alten und neuen Songs, darunter die Hits „Universal Tellerwäscher“, „Widerschein“ und „Wahr ist, was wahr ist“. Für „Der Bär“ überlässt Spilker dem Bassisten und Geburtstagskind Thomas Wenzel Bühne und Mikrofon.
Je länger der Abend dauert, desto tanzbarer werden die Nummern. Mehr und mehr ziehen „Die Sterne“ das Publikum in ihren Bann. Seinen Höhepunkt erreicht das zweistündige Konzert bei „Was hat dich bloß so ruiniert?“, dem Sterne-Song schlechthin, welcher das reguläre Set beschließt.

Schlaue Texte, wichtige Fragen

Am Ende der Zugabe wird dann noch ein ganz altes Stück ausgegraben. „Fickt das System!“, mit der wunderbar punkigen Textzeile: „Manchmal ist zugedröhnt besser als nichts.“ Das wird als vermeintlich letztes Statement in den Raum gestellt. Doch die Sterne lassen sich noch ein zweites Mal zurück auf die Bühne klatschen und beenden den Abend mit der kratzigen Johnny Cash-Gedächtnis-Ballade „Ihr wollt mich töten“, die soziale Ausgrenzung und gesellschaftlichen Druck anspricht.

Die intelligenten Texte der Sterne werfen viele existenzielle Fragen auf. Antworten geben sie kaum. Dem Zuhörer wird viel Raum zur Interpretation gelassen. Auch nach zehn Alben bleibt der rebellische Gestus der Band erhalten. Die Sterne sind eine provokante Opposition zu den glatten und harmlosen Popsongs aus den deutschen Charts. Gerade live entfaltet sich die Energie der Songs auf noch intensivere Art und Weise, wie man dem elektrisierten Publikum im KFZ deutlich anmerkte.

von Maik Dessauer

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