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„Man muss tief in sich hinein horchen“

Lesung von Robert Seethaler „Man muss tief in sich hinein horchen“

Robert Seethalers Bücher sind Bestseller. Dem Veranstalter war von vornherein klar: Die Räume in der Buchhandlung Elwert reichen nicht. 200 Literaturfreunde kamen am Donnerstagabend in die Lutherische Pfarrkirche.

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Robert Seethaler las auf Einladung der Buchhandlung Elwert in der Lutherischen Pfarrkirche. Nach der Lesung signierte er zahlreiche Bücher.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Robert Seethaler ist ein großer, schlanker Mann, der sehr sympathisch, unkompliziert und fast ein bisschen schüchtern wirkt. „Wer soll diesen Raum hier ausfüllen?“, sagt er mit Blick auf das hohe Kirchenschiff und wirkt ein wenig irritiert. „Ich bin kein großer Redner. Also erspar ich mir die Einführung und beginne zu lesen.“

Seethalers Stimme ist angenehm, fest und klar. Er liest sehr lebendig, was sicher auch daran liegt, dass er Schauspieler ist. Er schreibt in ganz eigenem Ton, in einer schnörkellosen Sprache, die schnell eine Sogwirkung entfaltet. Sein Blick auf die Wirklichkeit ist sehr genau, er charakterisiert die Menschen mit wenigen Worten.

„Ich bin ein Wiener Arbeiterkind“

Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“ erzählt die Geschichte 
von Andreas Egger, der bei 
 einem Bauern aufwächst. Zuerst wird er Hilfsknecht, dann schließt er sich einem Arbeits‑trupp an, der die ersten Seilbahnen in den Bergen errichtet. Das Buch erzählt von einem einfachen Leben, von einem schlichten Menschen, dem Glück und Unglück widerfährt, und der am Schluss doch mit Zufriedenheit darauf zurückblickt.

In dem Gespräch nach der 
Lesung wurde Seethaler gefragt, 
was an dem Roman autobiographisch sei. „Nix!“, antwortete der Schriftsteller kurz und bündig. „Ich bin ein Wiener Arbeiterkind.“ Auf das Thema sei er durch eine „Gefühlserinnerung“ gekommen, erzählte er weiter. Schon als Vierjähriger sei er zum Skifahren in die Berge mitgeschleppt worden. Die dumpfe Stille in der schneeversunkenen Landschaft habe ihn erschreckt, sei aber gleichzeitig wunderschön gewesen.

Eine Zuhörerin fragte, ob es schmerzhaft gewesen sei, dieses Buch zu schreiben. „Ich bin kein Virtuose“, erzählte Seethaler. „Ich muss mir jedes Wort mühsam zurecht schnitzen. Beim Schreiben muss man tief in sich hinein horchen.“ Ein Zuhörer erklärte, dass ihn bei dem Buch besonders die Übereinstimmung von Inhalt und Sprache beeindruckt habe. „Die Kargheit der Landschaft gebiert eine karge Sprache“, bestätigte der Schriftsteller.

Robert Seethaler wurde 1966 in Wien geboren. Sein Buch „Ein ganzes Leben“ stand wochenlang auf den Bestsellerlisten, auch das Vorgängerbuch „Der Trafikant“ war ein großer Erfolg. Der Schriftsteller, der in Wien und Berlin lebt, wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet.

  • Robert Seethaler: „Ein ganzes Leben“, Hanser-Verlag, 160 Seiten, 17,90 Euro

von Bettina Preussner

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