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„Man muss für den Beruf brennen“

Der Marburger Kamerapreisträger Jürgen Jürges „Man muss für den Beruf brennen“

Am Freitagnachmittag wurden die 18. Marburger Bild-Kunst-Kameragespräche eröffnet. Höhepunkt ist am Samstagabend 
um 20 Uhr in der Alten Aula die Verleihung des 
16. Marburger Kamerapreises an Jürgen Jürges.

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Jürgen Jürges am Filmset: Mehr als 100 Filme hat der Kameramann in seiner langen Karriere ­
gedreht.

Quelle: Wolfgang Entenbach

Marburg. Jürgen Jürges, 1940 in Hannover geboren, gilt als einer der innovativsten Kameramänner Deutschlands. In seiner langen Karriere hat er viele Preise erhalten. Den Adolf-Grimme-Preis, zweimal den Deutschen Filmpreis, viermal den Deutschen Kamerapreis, um nur einige zu nennen. Und nun den Marburger Kamerapreis. Was bedeutet er ihm?

„Er ist etwas ganz Besonderes für mich. Die Menschen kommen, um sich die Filme anzusehen. Er ist auch sehr familiär im Vergleich zu den anderen Auszeichnungen“, sagte er am Freitag im Gespräch mit der OP. ­Zwischen dem düsteren Film „Eisenhans“, den er 1983 gemeinsam mit Tankred Dorst in Szene setzte (und den er im Filmkunsttheater Kammer zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder sah) und der offiziellen Eröffnung blieb etwas Zeit für ein Gespräch mit dem ruhigen, zurückhaltenden Bildgestalter.

„Ich verstehe mich als Zuarbeiter für den Regisseur“

Anders als bei Schauspielern oder Regisseuren sind die Namen von Kameramännern meist nur Cineasten oder in der Branche bekannt, dabei prägen die Bilder die Filme. Stört ihn das?

„Im Vergleich zu den 70er oder 80er Jahren hat sich das ja schon geändert“, sagt Jürges. Damals hätten Kameramänner ganz klein auf den Filmplakaten gestanden. Heute achte man sie mehr. „Ich verstehe mich aber als Zuarbeiter für den Regisseur. Ist die Geschichte schlecht, ist der Film schlecht. Sind die Schauspieler nicht gut, ist das auch schlecht. Sind die Bilder schlecht, dann ärgert man sich vielleicht am Anfang, aber wenn die Geschichte gut ist, vergisst man das bald.“

Jürges ist bereits 1989 – vor einer kleinen Ewigkeit also – für seine Verdienste „um das junge deutsche Kino“ mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden. Er hat gerade in den Anfangsjahren seiner Karriere oft mit Rainer Werner Fassbinder zusammengearbeitet. „Angst essen Seele auf“, „Fontane Effi Briest“, „Angst vor der Angst“ sind drei Filme die er mit ihm machte. Wie war das, mit Fassbinder zu arbeiten?

Jürges schreibt Filmgeschichte

„Er war ein exzentrischer, exzessiver Mensch in jeder Hinsicht, aber er hatte klare künstlerische Vorstellungen.“ Probleme habe er mit Fassbinder nie gehabt, aber er habe sich dennoch irgendwann zurückgezogen. „Fassbinder war immer von einer Clique umgeben. Bei ihm galt: Ganz oder gar nicht. Entweder war man drin, oder nicht. Ich glaube, er war trotz des Trubels um ihn herum ein einsamer Mensch.“

Das war in den 70er Jahren, als der deutsche Film sich neu orientierte, als Autorenfilmer mit einem kritischen Blick auf die Gesellschaft den Weg in die Kinos fanden. 40 Jahre später dreht Jürges noch immer – zuletzt „Ich und Kaminski“ (2015) von Wolfgang Becker, „John Rabe“ von Florian Gallenberger (2009). Jürges hat ein großes Wegstück deutsche Nachkriegs-Filmgeschichte mitgeschrieben. Was hat sich in dieser Zeit in der Filmbranche geändert?

„Die Technik natürlich. Aber es haben sich auch die Themen geändert und das Publikum“, sagt Jürges. Heute würden Filme bis ins Detail geplant, „es kann nicht mehr so viel improvisiert werden wie damals“ – und das engt aus seiner Sicht die Kreativität „schon etwas ein“.

Wenig Bezug zu Science-Fiction

Jürges hat in seiner Karriere mehr als 100 Filme gedreht. Debütfilme mit jungen, unbekannten Regisseuren ebenso wie ­Publikumserfolge wie „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1981) oder „Die flambierte Frau“ (1983). Er hat an politischen Filmen mitgewirkt, an Komödien, an Tragödien. Gibt es noch Genres oder Filme, die er gerne mal machen würde?

„Ich habe ja schon viel gemacht, aber was ich nicht machen würde ist Science-Fiction, damit kann ich wenig anfangen“, sagt er. Aber Filme, „die ­eine zweite, eine phantastische Ebene einführen“, die könne er sich schon vorstellen.

Kameramann geworden sei er „mehr aus einer Ratlosigkeit heraus“. Ende der 50er Jahre sollte er Ingenieur werden. Ein halbes Jahr war er bei der Weser-Flugzeugbau, dann wusste er: Das ist es nicht. Er ging nach Berlin, machte eine Fotografenausbildung und landete schließlich beim Film. Er wurde sein Lebensinhalt. Und kann er jungen Menschen raten, den gleichen Weg einzuschlagen?

„Warum nicht“, sagt er und setzt ein „aber“ nach: „Man braucht Leidenschaft, man muss für den Beruf brennen, denn man muss viel aufgeben. Man hat nie ein richtiges, geregeltes Leben. Und es gibt sehr viele Kameramänner.“

von Uwe Badouin

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