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Mammutwerk über Konzentrationslager

OP-Buchtipp: Nikolaus Wachsmann: „KL. ...“ Mammutwerk über Konzentrationslager

Auf fast 1000 Seiten zeigt der Historiker Nikolaus Wachsmann die Geschichte des NS-Lagersystems. Selbst bei diesem anscheinend allseits durchleuchteten Thema bringt er viele neue Erkenntnisse. Bei aller Schwere des Inhalts: eine interessante Lektüre.

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Der Historiker Nikolaus Wachsmann hat mit seinem Buch „KL“ eine interessante Lektüre geschaffen, die zeigt, dass es immer noch Neues über Konzentrationslager zu lernen gibt.

Quelle: Gerald von Foris, Siedler Verlag

Zuerst machen einen die beiden Buchstaben auf Nikolaus Wachsmanns Buch stutzig: „KL“.

Eigentlich hat sich mit „KZ“ ein anderes, in seiner Aussprache noch härteres Kürzel für die nationalsozialistischen Konzentrationslager in die Köpfe gesetzt. „KL“ aber war zwischen 1933 und 1945 die gängige Abkürzung. Und darauf
bezieht sich der in München
geborene Historiker, dessen
 Geschichte der NS-Lager jetzt auf Deutsch erscheint.

Der Titel „KL“ hat aber auch eine Bedeutung: „Er sagt den Lesern, dass sie noch längst nicht alles über das Thema wissen“, erklärt Wachsmann der „FAZ“. „In den siebziger Jahren hat jemand geschrieben, es gebe über die Konzentrationslager nichts Neues mehr zu entdecken. Aus heutiger Sicht ist das eine abwegige Vorstellung.“

Unzählige persönliche Schicksale werden erzählt

Wachsmann bedient sich nicht nur der immensen Forschungsliteratur, sondern auch bisher ungesichteter Akten sowie Erinnerungen der Lagerinsassen aus einer Zeit, „als die Ereignisse“, schreibt er, „im Gedächtnis der Überlebenden noch ganz frisch waren und eher noch nicht überlagert von kollektiven Erinnerungen an die KL“.

Dem Historiker geht es dabei auch um persönliche Schicksale: etwa um den polnischstämmigen Juden Moritz Choinowski, der Buchenwald, Auschwitz, Groß-Rosen und Dachau überlebte – und nach 2000 Tagen Lagerhaft, Zwangsarbeit, Hunger, Fleckfieber und Prügel frei kam. Unzählige Beispiele wie dieses beschreibt Wachsmann. Damit gibt er dem Lagerapparat viele Gesichter.

In den USA und Großbritannien, wo Wachsmann seit 2005 als Professor für Neueste Geschichte am Londoner Birkbeck College lehrt, bekam sein Buch höchste Lorbeeren. Die „New York Times“ urteilte: „Wachsmann macht das Unvorstellbare greifbar. Das ist seine große Leistung.“ Und der britische „Independent“ schrieb, es sei „dank Wachsmanns Geschick als Autor viel mehr als ein klagendes Stapfen durch ein Universum immer weiter ansteigenden Todes und Terrors“.

„KL“ ist eine Chronik des Grauens. Zwar hatten etwa die frühen Lager noch einen eher provisorischen Charakter, waren aber in keiner Weise harmlos. Häftlinge waren darin ständigen Übergriffen ausgesetzt. Das Ziel: die politischen Gegner, sprich Kommunisten, zu brechen. Mit unter die Räder kamen Kleinkriminelle, Obdachlose, sogenannte Asoziale, Homosexuelle. Schon kurz nach Hitlers Machtergreifung verkündet SS-Chef Heinrich Himmler im März 1933 in Dachau offiziell die Eröffnung des „ersten Konzentrationslagers“.

Für das meiste gibt es keine Worte

Wachsmann stellt klar, worin sich Konzentrationslager wie Buchenwald und Vernichtungslager wie Treblinka voneinander unterscheiden. Oder er zeigt, wie sich in der Frage der Lager die innerparteiliche NSDAP-Machtstruktur weg von Hermann Göring hin zu Himmler verschob. Mitte der 1930er Jahre sind Konzentrationslager bereits gängige Waffen gegen gesellschaftliche Außenseiter. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zeigt das System mit seinen 27 Stammlagern und Hunderten Außenstellen seine radikale Dimension.

Am Ende der Reihe steht Auschwitz, der Todeskomplex des Kommandanten Rudolf Höß, in dem die europäischen Juden, Sinti und Roma vernichtet wurden. „Die Konzentrationslager verkörperten den Geist des Nationalsozialismus wie keine andere Institution des Dritten Reiches“, schreibt Wachsmann. Anfang 1945 sind 700.000 Menschen in Lagern gefangen.

Heute erhalten Konzentrationslager oft einen metaphysischen Charakter: als ein Symbol des Bösen. Doch waren sie auch Orte, an denen Menschen gelebt und gearbeitet haben. Wachsmann schafft es, das Unbeschreibliche zu vergegenwärtigen und dabei das Pathos außen vor zu lassen.

Aber wie findet man im Angesicht des Schreckens eine angemessene Sprache? Kurz nach der Befreiung des Lagers Buchenwald sagte ein US-Radioreporter: „Ich habe berichtet, was ich gesehen und gehört habe, aber nur einen Teil davon.“ Für das meiste jedoch, fügte er an, finde er keine Worte. Für Wachsmann ist das keine Option. „Würden wir Historiker verstummen“, schreibt er, „überließe man binnen kurzem die Geschichte der Lager größtenteils den Händen von Spinnern, Dilettanten und Leugnern.“

  • Nikolaus Wachsmann: „KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“, Siedler, 992 Seiten, 39,99 Euro.

von Sebastian Fischer

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