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Die Pferdekutsche auf der Autobahn

Kamerapreis für Luca Bigazzi Die Pferdekutsche auf der Autobahn

Ganz im Zeichen des italienischen Kinos steht an diesem Wochenende die Verleihung des „Marburger Kamerapreises“ an Luca Bigazzi.

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Kamerapreisträger Luca Bigazzi am Set der Sorrentino-Fernsehserie „The Young Pope“.

Quelle: Gianni Fiorito

Marburg. An diesem Samstag erhält Luca Bigazzi den mit 5000 Euro dotierten Marburger Kamerapreis. Die OP sprach mit ihm über seine Arbeit als Kameramann, Italiens Kino und Lieblingsschauspieler.

OP: Immer wieder haben Sie mit der Kamera die italienische Realität abgebildet. Welche Bilder würden Sie heute zum Thema Italien zeigen?
Luca Bigazzi: Die Realität des Landes, in dem ich lebe, ist sehr komplex. Italien ist voller Widersprüche, dort prallt die Moderne so extrem auf Tradition und Vergangenheit, wie es nur in wenigen anderen Ländern der Fall ist. Das „Italien von heute“ zu beschreiben, ist ebenso komplex und voller Widersprüche. Die Filme, die mich interessieren, versuchen, diese Realität einzufangen. Filme, die sich als Mittel verstehen, eine Realität zu enthüllen, die sich hinter vorherrschenden Ideologien verbirgt. Ich glaube, dass das italienische Kino – so arm es an Produktionsmitteln sein mag und so wenig sich die Institutionen dafür interessieren mögen – außerordentlich vital und facettenreich ist.

OP: Da ist es, das große Lob auf das italienische Kino, von dem Sie in der Vergangenheit ja mehrfach gesagt haben, es sei das beste innerhalb Europas. Gilt das nach wie vor und – was genau können italienische Filmemacher besser als die anderen?
Bigazzi: Was nach wie vor gilt, ist, dass die italienische Filmlandschaft eine große Bandbreite abdeckt. Es zählen nicht so sehr die wenigen großen Meister, sondern die vielen jungen und hochbegabten Talente, die mit minimalen Mitteln sehr innovativ arbeiten. Einige von ihnen, auch im Bereich des Dokumentarfilms, machen exzellente Arbeit. Ich denke da etwa an 
Gianfranco Rosi, der ja mit „Fuocoammare“ („Seefeuer“) im vergangenen Jahr in Berlin den Goldenen Bären und den Europäischen Filmpreis gewonnen hat. Mit „Sacro GRA“ („Das andere Rom“) war Rosi auf dem Festival in Venedig erfolgreich. Leute wie er sind also weltweit erfolgreich, während ihre Verdienste im eigenen Land eher wenig gelten.

OP: Wie stark passen Sie sich in Ihrer Arbeit den Konzepten von Drehbuchautor und Regie an – oder anders gefragt: Wie würden Sie Ihren eigenen Stil beschreiben?
Bigazzi: Ich hoffe sehr, dass ich keinen auf den ersten Blick erkennbaren Stil pflege. Ich versuche, jedes Mal anders zu sein, wenn ich an einem Film arbeite. Die Filme „gehören“ den Regisseuren, nicht den Kameraleuten. 
Das übelste Kompliment, das man mir machen könnte, wäre zu sagen: ,Luca, von der ersten Szene an habe ich gewusst, dass du das gedreht hast.‘ Das nämlich würde bedeuten, dass ich meinen Job nicht gut gemacht habe, weil ich meinen eigenen formalen Geschmack über die Interessen des Films gestellt hätte.

OP: Welche Ihrer Arbeiten halten Sie für die beste, über welchen Film würden Sie lieber nicht mehr sprechen?
Bigazzi: Ich mag sie alle, die Filme, an denen ich mitarbeiten durfte. Eine besondere Vorliebe habe ich für die Produktionen, die mit einem kleinen Budget auskommen mussten. Aber generell habe ich wirklich keinerlei negative Erinnerungen an irgendeine Produktion.

OP: Orientieren Sie sich an der Arbeit Ihrer Kollegen? Finden Sie Zeit, viele andere Filme zu sehen, um sich inspirieren zu lassen?
Bigazzi: Klar, ich gehe ständig ins Kino. Filme zu machen, ist ein kollektiver Prozess, und kollektiv werden Filme rezipiert. Das ist für mich immer ein richtig enthusiastisches Erlebnis, in einem vollbesetzten Kinosaal zu sitzen, auf engstem Raum mit dem Publikum. Die Menschen sind entweder begeistert oder können nichts anfangen mit dem, was sie sehen. Diese kollektiven Reaktionen zeigen uns die wahre Bedeutung der Arbeit, deren Teil wir sind. Der Blickwinkel des Einzelnen auf filmisches Schaffen dagegen ist mir zu steril – die Negation der eigentlichen, bereits angesprochenen kollektiven Idee des Kinos.

OP: Dass die Digitaltechnik die Arbeit auch für Kameraleute revolutioniert hat, ist kaum der Erwähnung wert. Sprechen wir einen Moment nicht über die technischen Vorteile, sondern über die Frage, ob der Film durch den Tod des Zelluloids nicht etwas von seinem Charme, seiner Faszination eingebüßt hat.
Bigazzi: Ich persönlich glaube nicht, dass das Zelluloid so fundamental wichtig für den Film gewesen ist. Manchmal schaue ich mir einen Film an und frage mich: Ist das jetzt analog oder digital? Verstehen Sie: Ich, als jemand, der als Techniker gilt, sieht den Unterschied nicht – warum sollten die Zuschauer es dann sehen? Als Kameramann habe ich die Entwicklung hin zur Digitaltechnik als Befreiung empfunden. Ich bin dadurch viel freier und kann mehr Experimente machen. Das gilt speziell fürs Licht, anders als in der Zelluloid-Vergangenheit kann ich jetzt immer öfter entscheiden, ob ich überhaupt Kunstlicht brauche oder ganz darauf verzichte. Der Film ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, es war höchste Zeit, ihn einzumotten. Anders gesagt: Sie würden ja auch nicht mit einer Pferdekutsche auf der Autobahn fahren, oder?

OP: Sie haben Stars wie Sean Penn, Bruno Ganz oder Michael Caine in Szene gesetzt – wem würden Sie persönlich Oscars als beste Schauspieler oder Schauspielerinnen verleihen?
Bigazzi: Ich empfinde große Sympathien für alle Schauspieler, mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Schauspieler sind zerbrechliche, sensible Menschen. Sie sind es, die ihr eigenes Ich offen zur Schau stellen, sie stecken die Kritik ein, viel mehr als die Regisseure. Sie sind das eine wichtige, aber fragile Glied der Kette, die eine Kinoproduktion zusammenhält. Also, als Kameramann fühle ich mich mit ihnen allen solidarisch, aber wenn ich einen herausheben sollte – mein absoluter Lieblingsschauspieler ist Jude Law, mit dem ich die TV-Serie „The Young Pope“ gedreht habe. Jude Law hat mich wirklich umgehauen mit seiner Großherzigkeit, seinem konzentrierten Arbeiten und seiner Hingabe für den Beruf.

OP: Woran arbeiten Sie gegenwärtig?
Bigazzi: Zurzeit drehe ich mit dem Regisseur Daniele Luchetti in Rom den Film „Tempesta“. Unmittelbar davor habe ich in den USA Paolo Virzis „The 
Leisure Seeker“ gedreht – mit Helen Mirren und Donald Sutherland. Das war trotz der dunklen, bedrohlichen Schatten, die Donald Trump wirft, eine wunderbare Erfahrung. Und es wird ein wunderbarer Film.

OP: Sie selbst sind als Autodidakt groß geworden, arbeiten mittlerweile aber sogar als Dozent an einer Filmhochschule. Gibt es Karrieren wie Ihre heute noch oder muss man jungen Menschen raten, auf jeden Fall ihr Handwerk seriös zu lernen?
Bigazzi: Ja, ich bin in der Tat als Autodidakt ins Geschäft eingestiegen, ohne Hochschulausbildung, ohne als Assistent irgendwo in die Lehre gegangen zu sein. Ich hatte damals das große Glück, mit dem jungen und hochtalentierten Silvio Soldini befreundet zu sein. Wir haben als unabhängige Filmemacher angefangen zu arbeiten. Was uns an technischer Erfahrung fehlte, haben wir durch Neugier und Leidenschaft wettgemacht. Heutzutage – wir sprachen schon darüber – machen die technischen Möglichkeiten all das noch viel einfacher. Das ­eröffnet Generationen junger Filmemacher unglaubliche ­Freiräume für Kreativität und Innovation – das gilt es zu nutzen, mit Selbstvertrauen und Mut.

von Carsten Beckmann

Programm

Eine Reihe von Veranstaltungen setzt an diesem Samstag und Sonntag den Rahmen für die Verleihung des „Marburger Kamerapreises 2017“ an Luca Bigazzi.

Samstag

Ab 12 Uhr läuft in der „Kammer“ am Steinweg der Film „Pane e Tulipani“ („Brot und Tulpen“). In dem Film von Silvio Soldini aus dem Jahr 2000 spielt Bruno Ganz eine der Hauptrollen.

Im Anschluss ( 14 Uhr ) eröffnet Professor Dr. Malte Hagener vom Institut für Medienwissenschaft der Marburger Philipps-Universität offiziell das Wochenendprogramm.

Ab 14.30 Uhr wird – ebenfalls im Filmkunsttheater „Kammer“ das Sozialdrama „Lamerica“ gezeigt. Auch bei Gianni Amelios Film aus dem Jahr 1994 führte Luca Bigazzi die Kamera.

Um 17 Uhr beginnt ein Werkstattgespräch mit Professor Dr. Francesco Bono. Der Filmwissenschaftler und Kritiker aus Perugia spricht mit Luca Bigazzi über dessen filmisches Schaffen.

Die Alte Aula der Philipps-Universität (Lahntor 3) ist ab 20 Uhr Schauplatz der Verleihung des Marburger Kamerapreises. Die Laudatio auf den Preisträger hält der italienische Regisseur Silvio Soldini.
Musikalisch wird die Preisverleihung von den „Jazzrobots“ der Jazzinitiative Marburg begleitet. Nach einem Empfang im Kreuzgang verlagert sich das abendliche Geschehen ins KFZ an der Biegenstraße: Dort findet ab 23 Uhr „La Grande Festa“ – die Preisverleihungsparty – statt.

Sonntag

Das Programm beginnt um 10 Uhr in der „Kammer“ mit dem Film „Copie Conforme“ („Die Liebesfälscher“). Hinter der Kamera: Luca Bigazzi, davor: Juliette Binoche.

Ab 11.45 Uhr gibt es ein weiteres Werkstattgespräch mit der Kölner Filmwissenschaftlerin Professor Dr. Lisa Gotto und Luca Bigazzi.

Paolo Sorrentinos „Youth“ („Ewige Jugend“) mit Michael Caine und Harvey Keitel läuft ab 14.30 Uhr .

Für 16.45 Uhr ist der Beginn des abschließenden Werkstattgesprächs mit Professor Birgit Gudjonsdottir und dem Preisträger terminiert.

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Kamerapreis für Luca Bigazzi
Der italienische Kameramann Luca Bigazzi kommt am Wochenende nach Marburg, um den 17. Marburger Kamerapreis entgegenzunehmen. Foto: Privatarchiv Bigazzi

„Brot und Tulpen“ ist der hierzulande wohl bekannteste Film, den der italienische Kameramann Luca Bigazzi fotografiert hat. Sein vielfältiges Werk wird mit dem Marburger Kamerapreis gewürdigt.

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