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Liebesdrama als Großproduktion

Opernpremiere „Gegen die Wand“ Liebesdrama als Großproduktion

Großer Liebe wohnt immer auch die Möglichkeit des Abgrunds inne. 
Das ist eine der zentralen Botschaften von Ludger Vollmers Oper „Gegen 
die Wand“ nach dem gleichnamigen Film 
von Fatih Akin.

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Das große Bühnenbild bietet viele Möglichkeiten für die Inszenierung, die in deutscher und türkischer Sprache und mit Übertiteln in beiden Sprachen gespielt wird.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Am Samstag hatte das Musikdrama um die abgründige Liebe von Cahit und Sibel am Stadttheater in einer Inszenierung von Cathérine Miville Premiere. Und am Ende gab es kräftigen Beifall für die üppig ausgestattete Version der Intendantin, die auf Deutsch und Türkisch daherkommt.

Mit dem ersten Strahl des Bühnenlichtes wird deutlich, dass das Publikum die Geschichte um die türkisch verwurzelten Sibel und Cahit, die nach Selbstmordversuchen zusammenfinden und letztlich tragisch scheitern, als waschechte Großproduktion erleben darf.

Miville verzückt die Zuschaueraugen mit einer von Lukas Noll entworfenen gigantischen Bühne. Sie wird dominiert von einem großen Gerüst, das die Intendantin wie auch die Drehbühne geschickt dazu nutzt, unterschiedliche Ebenen der Handlung parallel zu inszenieren.

Lebendige Vielfalt 
mit glänzenden Solisten

Doch die visuelle Fülle reicht weiter: In Choreografien von Inga Schneidt bevölkern Breakdancer beziehungsweise Hip-Hopper die Bühne. Und im Hintergrund dirigiert der musikalische Leiter Martin Spahr hinter einem transparenten Vorhang das um traditionelle türkische Instrumente erweiterte Philharmonische Orchester.

Von Zeit zu Zeit mischt sich der von Jan Hoffmann geleitete Chor unter das Bühnenpersonal und immer wieder ergänzt Muhsin Omurca als Erzähler den Fluss der Handlung. Kurz, Miville bringt eine lebendige Vielfalt auf die Rampe, die in ihrer Pluralität Shakespearesche Züge hat. Ein grundsätzlich gelungener Ansatz, denn er ermöglicht eine multiperspektivische Herangehensweise an die Geschichte, in der die Solisten glänzen.

Alle Sänger um die zu Recht gefeierten Gabriel Urrutia als Cahit und Dilara Bastar als Sibel machen einen glänzenden Job und bieten ein ums andere Mal Gesangskunst auf hohem Niveau. Getragen wird sie von Martin Spahr und den Seinen.

Der musikalische Leiter dirigiert seine erste große Oper im Großen Haus und meistert diese Aufgabe mit Bravour. Mit bisweilen schrägen Klängen, ergänzt um mitreißende orientalisch anmutende Sounds, betören die Musiker und machen den Abend zu einem Genuss für die Ohren.

170 Minuten mit einigen Längen

Damit zum Haken der Inszenierung, die phasenweise zu viel will. Denn alle Multiperspektivität und aller musikalischer Genuss ändern nichts daran, dass der inklusive Pause rund 170 Minuten lange Abend seine Längen hat. An der einen oder anderen Stelle hätte in der Kürze melancholischen Schweigens die Würze gelegen, und auch ein wenig mehr emotionale Schnoddrigkeit hätte gut getan.

Immerhin: Es geht um ein Liebespaar, das sich gegen gesellschaftlichen Druck zur Wehr setzt, auch mit Sexualisierung und Drogenmissbrauch. Kurz, revoltierender Gefühlszorn und emotionale Tiefe der Hauptfiguren hätten mehr Platz haben müssen in der Inszenierung, die jetzt eher von einem braven und tageslichttauglichen melancholischen Grundton in optischer Vielfalt dominiert wird.

Pointiert gesagt: Manchmal ist weniger mehr. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn insgesamt präsentiert die Intendantin einen über weite Strecken gelungenen Abend.

Weitere Aufführungen gibt es am 15. und 28. April, 21. Mai, 10. und 24. Juni sowie am 9. Juli jeweils ab 19.30 Uhr im Großen Haus. Weitere Informationen im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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