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Liebe in Zeiten der Diktatur

OP-Buchtipp: Laksmi Pamuntjak: „Alle Farben Rot“ Liebe in Zeiten der Diktatur

Außerhalb Indonesiens ist die Literatur des diesjährigen Buchmessen-Gastlandes weitgehend unbekannt. Laksmi Pamuntjaks „Alle Farben Rot“ ist eines der Bücher, die das ändern sollen.

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„Alle Farben Rot“ von Laksmi Pamuntjak ist eine ambitioniertes Romanprojekt aus Indonesien.

Quelle: Hans Scherhaufer, Ullstein

Gedichte, Essays, Reportagen – das waren bisher die schriftstellerischen Disziplinen der in Jakarta lebenden Autorin Laksmi Pamuntjak. Jetzt also kommt das große, das Romanformat, und in ihrem Debüt hat sich die Indonesierin nicht weniger vorgenommen, als drei Geschichten zu erzählen.

„Alle Farben Rot“ ist die Saga einer großen Liebe, gleichzeitig dokumentiert das Buch eindrucksvoll die Vor- und Nachkriegsgeschichte Indonesiens mit dem Fokus auf Suhartos Regime, und zu guter Letzt bietet dieses großvolumige Werk einen Grundkurs in indonesischer Mythologie und Kulturgeschichte.

Spurensuche nach Jahrzehnten

Amba und Bhisma treffen aufeinander am Vorabend jenes 30. September des Jahres 1965, der Indonesien in den politischen Ausnahmezustand stürzen sollte. Eine unmögliche Liebe in Zeiten eines Regimes, das weit über 10.000 Linke oder Linkssympathisanten in die berüchtigten Strafkolonien auf der Gefängnisinsel Buru verbannen sollte.

Eigentlich längst einem Anderen versprochen, gibt sich die junge Amba dem charismatischen Arzt Bhisma hin, doch in den politischen Wirren verlieren sich die Liebenden aus den Augen. Jahrzehnte später geht Amba auf Spurensuche, um das Schicksal jenes Mannes nachempfinden zu können, der der Vater ihrer Tochter wurde, bevor man ihn verhaftete und er für den Rest seines Lebens auf Buru gefangen war.

Laksmi Pamuntjak erzählt diese Geschichte in mehreren Zeitebenen, wählt unterschiedliche Erzählperspektiven, nutzt zwischenzeitlich das Stilmittel des Briefromans, kurz: Das Werk verlangt dem Leser hohe Konzentration ab. Doch es gelingt der Autorin, ihr Land und die dort lebenden Menschen so facettenreich und fesselnd zu beschreiben, dass man sich in die Story ebenso verbeißt wie in die historischen und politischen Erklärpassagen.

Gastland auf der Buchmesse

Letztlich lernen europäische Leser aus „Alle Farben Rot“, dass der Suharto-Putsch Ursachen hatte, die so vielschichtig waren, dass selbst die Menschen in Indonesien nicht verstanden, was mit ihrem Land geschah. Wer dort mit wem paktierte, wer gegen wen intrigierte, wie die Frontlinien der Machtergreifung Suhartos verliefen – Laksmi Pamuntjak liefert für all das Erklärungsansätze, die allerdings immer auch offenbaren, dass ihr Land in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts im gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Chaos versank.

Die Autorin reiht sich mit „Alle Farben Rot“ ein in eine Tradition politisch motivierter Autoren ihres Landes: Pramoedya Ananta Toer etwa ist ein Schriftsteller, der internationalen Ruf durch Romane wie „Garten der Menschheit“ oder „Haus aus Glas“ erlangte und mehrfach als heißer Literaturnobelpreis-Kandidat gehandelt wurde.

Das allerdings ist höchstens Insiderwissen, denn wirklich in Erscheinung getreten ist die indonesische Literaturszene bisher in der westlichen Welt nicht. Ein Grund mehr, anlässlich der Frankfurter Buchmesse und des Gastlandes Indonesien einzutauchen in die erzählerische Opulenz eines Romans wie „Alle Farben Rot“.

  • Laksmi Pamuntjak: „Alle Farben Rot“, Ullstein, 672 Seiten, 24 Euro.

von Carsten Beckmann

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