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Liebe im Zeitalter der Pornografie

„betreff:theater“ Liebe im Zeitalter der Pornografie

Ins Schwanken zwischen Lachen und Grauen konnte der Zuschauer bei der neuesten, 15. Produktion des Marburger „betreff:theaters“ geraten.

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Die Verliebte (Anna Di Biase, hinten) holt sich Rat ausgerechnet bei zwei Pornodarstellern (Anna Gröbler und Nico Buchheim), auf die sie im Wald trifft.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Das Thema des Stücks „Mimesis“ ist so alt wie die Menschheit: es geht um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. In einer Zeit, in der die Pornografie die Gesellschaft durchdringt, in der Sex zur Sucht geworden ist oder zum Wirtschaftsgut oder zum Aufstieg auf der Karriereleiter eingesetzt wird, ist dies kompliziert.

Ausgebreitet werden diese an sich traurigen, aber in der witzigen Darstellung auch zum Lachen reizenden Befunde anhand dreier Personengruppen in 13 einander abwechselnden Szenen. Dass es jeweils eine überraschende Verbindung zwischen den Gruppen gibt, wird erst zum Schluss offenbar, und einen Schockeffekt gibt es in der Inszenierung noch obendrein.

Von Pornosucht befreien

Vier Männer haben sich zum Abendessen getroffen, der Gastgeber ruht scheinbar gelassen in sich, da er glücklich im sicheren Hafen der Ehe gelandet ist. Zwischen Neid und Ironie changieren die Anmerkungen zweier Singles: nie mehr müsse der Verheiratete einem Haarschopf oder Hintern nachschauen und sich davon aus der Ruhe bringen lassen.

Der eine berichtet von den vergeblichen Versuchen eines Freundes, sich von seinen Pornovideos und der Sucht danach zu befreien. Schnell ist klar, dass er von sich spricht. Der andere hat den Frauen abgeschworen und klingt in seinen Beteuerungen immer unglaubhafter. Der Dritte konzentriert sich darauf, ersatzweise seine Zigarettensucht im Zaum zu halten, seine wahre Neigung tritt erst am Ende zu Tage.

Und der zunächst souverän erscheinende Ehemann offenbart, dass er und seine Frau sich auch nicht allein genügen. Er stellt sich vor, dass andere, auch seine Freunde, seine Frau begehren und wie sie mit ihr Sex haben. Das alte Motiv von Hure und Heiliger: als er erkennt, dass seine Frau ihn tatsächlich betrügt, zerbricht er daran.

Sex und Gefühle?!

Die vier Geschäftsfrauen in einer anderen Szene hingegen konzentrieren sich auf das Wesentliche – auf die Karriere. Ein Seitensprung mit dem neuen Geschäftspartner wird geplant, eine Konkurrentin soll durch Schlaftabletten im Cocktail außer Gefecht gesetzt werden. Liebe und Emotionen sind kein Thema. Doch kaltes Kalkül geht letztlich nicht auf, alle Pläne und Intrigen laufen schief.

Ausgerechnet die dritte Gruppe beschäftigt sich scheinbar am wahrhaftigsten mit Sex und Gefühlen. Ein in die Jahre gekommenes Pornodarsteller-Pärchen diskutiert im Park über „die schönste Nebensache der Welt“, wird hin und wieder von echter Anziehung zueinander überwältigt und fällt übereinander her, bis störende Reflexionen über die eigene Rolle das Getriebe unterbrechen.

Die Verliebte ist die einzige versöhnliche Figur des Stücks. Sie macht sich ehrlich Gedanken um ihren Geliebten, doch auch sie ist sich ihrer Sache nicht sicher, holt sich Rat ausgerechnet bei den beiden Pornodarstellern.
Am Ende spendeten die etwa 140 Premierenzuschauer lang anhaltenden, begeisterten Applaus. Die Darsteller unter Regie von Anne Boland hatten das in seiner Sprache von poetisch bis vulgärerotisch oszillierende Stück packend und stringent, ohne überflüssige Längen und mit einer auf das Notwendige beschränkten Bühnenausstattung umgesetzt und einen ebenso unterhaltsamen wie anregenden Theaterabend beschert.

  • Weitere Aufführungen sind am Samstag und am Sonntag jeweils um 20 Uhr in der Waggonhalle.

von Manfred Schubert

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