Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Von jüdischen Querköpfen und Außenseitern

Lesung: Marica Zuckermann Von jüdischen Querköpfen und Außenseitern

Es ist ruhig im Café Vetter, nur das Klimpern von Geschirr dringt durch die geschlossene Tür der Küche an die Ohren der Gäste. Leise setzt Klaviermusik ein, erfüllt den Raum und versetzt die Hörer in längst vergangene Zeiten.

Voriger Artikel
Superlativ lässt sich doch noch toppen
Nächster Artikel
Endlich, endlich wieder mal in Marburg

Marica Zuckermann las im Café Vetter aus ihrem Roman „Mischpoke“ über 100 Jahre Familiengeschichte.

Quelle: Felix Busjaeger

Marburg. So leise, wie sie begann, so leise verstummt sie auch wieder und oben auf der Bühne beginnt Marica Zuckermann zu lesen. Es ist die traurige Geschichte von Samuel Kohanim, Oberhaupt einer jüdischen Familie, der das große Unglück hat, dass seine Frau ihm sieben Mädchen gebar, alle männlichen Nachkommen sterben im Kleinkind­alter.

Die Geschichte beginnt am 10. März 1902 mit dem Todeskampf des letzten Kronprinzen, ein jüdisches Schlaflied spielt im Hintergrund und erzählt von einer trauernden Mäusemutter, die nach und nach all ihre Kinder verliert. Am Kindesbett erklingt der kurze Aufschrei der Töchter, der Sohn ist tot. Die Klaviermusik beginnt erneut zu spielen.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literatur um 11“ ist die Berlinerin Marica Zuckermann zu Gast in Marburg und las aus ihrem Buch „Mischpoke! Ein Familienroman. 100 Jahre Geschichte aus Sicht einer deutsch-jüdischen Familie“.

Widerstandslied hinterlässt tiefe Botschaft beim Zuhörer

In vier Generationen erzählt Zuckermann voller Tragik und Komik eine Geschichte von Tod, aber auch von Widerstand. Die Familie Kohanim ist eine Familie voller Querköpfe und Außenseiter. In verschiedenen Kapiteln bekommen die rund 30 Gäste, die am Sonntagvormittag ins Café Vetter gekommen sind, Einblicke in die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Familie. Mal erfahren sie, wieso ein kleines Mädchen alleine im Zug nach Berlin sitzt oder wie es Franziska, einer Tochter Samuels, in Berlin ergangen ist. Jedes vorgetragene Kapitel wird dabei mit unterschiedlichen Musikstücken eingeleitet.

Als sich Franziskas Sohn 1937 auf der Flucht befindet, bekommt die Geschichte noch eine andere Dramatik. Marica Zuckermann schildert die Eindrücke, die Walter unter den Kronen des Buchenwalds nahe Weimar erlebt. Die Szene wird mit dem jüdischen Widerstandslied „Wir leben ewig“ geschlossen und hinterlässt eine tiefe Botschaft beim Zuhörer.

Geboren 1947, hat die Autorin und Tochter deutsch-jüdischer Eltern als Nachshoa-Generation die Auswirkungen der Verfolgung am eigenen Leib gespürt. Ihr Vater überlebte den Holocaust als Gefangener im KZ, ihre Mutter engagierte sich im kommunistischen Widerstand. Ende der 1950er-Jahre floh die Familie nach West-Berlin, wo Zuckermann im Verlagswesen arbeitete und Mitbegründerin eines Stadtmagazins war. Nach mehreren Jahren, die sie im Ausland verbracht hat, kehrte sie schließlich nach Berlin zurück und arbeitet dort als freie Journalistin und Autorin. In ihrem Familienroman hat Zuckermann Eindrücke ihrer eigenen Vita mit einfließen lassen.

von Felix Busjaeger

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr