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„Leonce und Lena“ wird Bühnen-Soap

Stadttheater Gießen „Leonce und Lena“ wird Bühnen-Soap

Malte C. Lachmanns Inszenierung von „Leonce und Lena“ am Stadttheater Gießen verliert sich in 
Effekthascherei.

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Ganz cool geben sich Leonce (Maximilian Schmidt) und Lena (Anne-Elise Minetti) in Malte C. Lachmanns Inszenierung auf der Bühne des Stadttheaters Gießen.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Nirgends steht geschrieben, dass Theater immer bierernst daherkommen muss. Natürlich haben auch Lässigkeit und Spaß ihren Platz auf der Bühne. Werden die aber zum Selbstzweck ohne zündende Pointe, dann besteht die Gefahr, dass sich eine Inszenierung in Belanglosigkeit auflöst.

Das war am Samstagabend im Stadttheater zu beobachten, wo Georg Büchners „Leonce und Lena“ in der Inszenierung von Malte C. Lachmann Premiere hatte. Rund 90 Minuten dauert diese Bühnen-Soap, die über weite Strecken nur sehr schwer zu ertragen ist.

Dabei ist Lachmanns Grundgedanke richtig. Er spitzt die doch eher gelangweilte und oberflächliche Gesellschaft aus Büchners Stück zu und bleibt auch der Sprache des kanonisierten Dramas im Grundsatz treu. Folgerichtig rückt der Fokus des Regisseurs auf das Personal der Handlung, das viel Raum zur Entfaltung bekommt, ohne mit technischem Schnickschnack konkurrieren zu müssen.

Coolness wird zu Selbstzweck und hohler Attitüde

So hat Lukas Noll ein eher zurückhaltendes Bühnenbild geschaffen, das die Handlung mit Elementen trägt wie einem erhöht postierten Sessel oder Sinnsprüchen auf einem Transparent im Raumteiler, der die Bühne in zwei Hälften trennt. Im zweiten Teil weitet sich die Rampe, so dass die auf der Drehbühne verteilten Inventare zu unterschiedlichen Szenen genutzt werden können. Es ist ein gelungenes Bühnenbild von Noll, der die Schauspieler in zeitgenössische Straßenkleidung steckt.

Also alles gut? Nein, denn der Regisseur überspannt den Bogen gnadenlos. Lässigkeit und Coolness, die sicherlich zur Karikatur von Spaßgesellschaft werden sollten, haben in dieser Inszenierung keinerlei karikierenden Effekt. Im Gegenteil: Sie werden zu Selbstzweck und hohler Attitüde, die sich in keinster Weise zu einem Aha-Erlebnis zuspitzen.

Das ist fatal, denn das Ergebnis ist keinesfalls die gelungene Modernisierung eines kanonisierten Stücks, sondern 90 Minuten pubertäres Gehabe, das phasenweise wirklich nur sehr schwer auszuhalten ist. Und dies ist keinesfalls rhetorisch gemeint: warum über anderthalb Stunden Schauspielern zusehen, die Worte wie „supergeil“ ausstoßen, auf Steine spucken oder zu rockigen Rhythmen über die Bühne hopsen?

Schauspieler können ihr Potential nicht ausschöpfen

Ganz unabhängig davon, dass das eine oder andere Bühnenmittel nicht gut eingesetzt ist. Ein Beispiel: Zu Beginn spricht Maximilian Schmidt als Leonce die Zuschauer direkt an. Mit Blick auf den Fortgang der Geschichte hat dieses dramaturgische Mittel keinerlei Bedeutung, 
sondern erinnert eher an die Methode, mit der sich mancher Comedian bei seinem Auftritt Respekt verschafft. Es bleibt der Eindruck bloßer Effekthascherei mit deutlich pubertärer Note und ohne wahrnehmbare Tiefe.

Praktisch folgerichtig kommt auch keiner der Schauspieler um Schmidt als Leonce und Anne-Elise Minetti als Lena zu seinem gewohnten Format. Alles chillt sich cool durch die Handlung, die in dieser Form allerdings auch kaum Möglichkeiten zur Entfaltung gibt. Das alles jetzt auf einen Nenner gebracht: Diese Inszenierung ist gründlich misslungen, denn sie verliert sich in purer Effekthascherei. „Supergeil“? Nö.

  • Weitere Aufführungen sind am 1., 13. und 26. Mai, 2. und 25. Juni und 7. Juli um 19.30 Uhr sowie am 12. Juni um 15 Uhr im Großen Haus.
  • Weitere Informationen im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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